Dienstag, 04. Juni 2019

Wer darf die Medikation im Pflegeheim bestimmen?

Von Problemen bei der Medikation von Pflegebedürftigen wird uns in Beratungsgesprächen immer wieder berichtet. In den meisten Fällen ist dafür einer der folgenden drei Gründe ausschlaggebend: Entweder stimmt die Kommunikation zwischen Arzt, Patient/Bevollmächtigtem/Betreuer und Pflege nicht, es herrscht Unsicherheit hinsichtlich der rechtlichen Kompetenzen oder man meint, über den Kopf des Betroffenen hinweg handeln zu können.

Grundsätzlich gilt, dass ein Arzt seinen Patienten hinsichtlich der von ihm zu verordnenden Therapien und Medikationen aufklärt (ggf. den Bevollmächtigten oder Betreuer), die vorzunehmenden Maßnahmen und Medikationspläne an die Einrichtungen weitergibt und der Patient dort im Rahmen der Behandlungspflege entsprechend versorgt wird. Müssen z.B. Medikationen verändert werden, wird entsprechend verfahren. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass behandelnde Ärzte Medikationen „auf Zuruf der Pflegekräfte“ verändern oder verschreiben, ohne die Betroffenen oder deren Vertreter zu informieren. Oder aber es werden abweichende Anweisungen von Betreuern nicht durch die Pflegekräfte umgesetzt, weil „das nur der Arzt darf“. Hier scheint es viele Unsicherheiten zu geben.

Verschreibungspflichtige Medikamente können generell nur von einem zugelassenen Arzt verordnet werden. Ein rechtlicher Betreuer mit dem Wirkungskreis „Gesundheitssorge“ hat aber das Recht, im Sinne des Betreuten die Gabe nicht verschreibungspflichtiger Medikamente anzuordnen oder auch ärztlich verordnete Medikamente absetzen zu lassen. Dazu gehört es auch, den Arzt zu wechseln, wenn keine Vertrauensbasis mehr besteht. Die Einrichtung muss sich in diesem Fall vergewissern, ob die Änderung der Verordnung dem Wunsch des Pflegebedürftigen und dessen Wohl entspricht. Wenn die betroffene Person einwilligungsfähig ist, ist deren Zustimmung einzuholen. Sowohl dem Betreuer als auch der Einrichtung ist zu empfehlen, derartige Veränderungen schriftlich zu fixieren und den Arzt zu informieren. Besteht die Befürchtung, dass es zu Neben- und Wechselwirkungen kommen kann, sollten Pflegebedürftige bzw. Angehörige oder Betreuer auch auf die Kompetenz eines Apothekers vertrauen und diesen um Rat fragen. Gerade die Vergabe stark beeinflussender Medikamente (z.B. zur Sedierung) sollte immer wieder hinsichtlich ihres Nutzens für den Betroffenen überprüft werden.

Letztendlich entscheidend ist aber immer der (mutmaßliche) Wille des pflegebedürftigen Menschen. Niemand darf gezwungen werden, eine Therapie zu machen oder bestimmte Medikamente zu nehmen, weil grundsätzlich auch ein Recht auf selbstschädigendes Verhalten vom Grundgesetz garantiert wird. Will jemand z.B. trotz Krebserkrankung und Aufklärung keine Chemotherapie machen, darf er sich selbst dazu entscheiden. Aus demselben Grund darf man natürlich niemandem eine Therapie oder Medikamente verweigern, die potentiell helfen könnten. Diese Grundsätze beginnen beim freiverkäuflichen Nasenspray und enden bei der Umsetzung einer Patientenverfügung.