Dienstag, 11. August 2015

„Wege zur Pflegeberatung“

Der Weg zu einer umfassenden Pflegeberatung, wie ihn § 7a SGB XI vorsieht, ist einer Vielzahl von Pflegebedürftigen sowie deren Angehörigen noch immer nicht gegeben bzw. gar nicht erst bekannt. Darüber hinaus führen die unterschiedlichen Beratungsstrukturen und Bezeichnungen der Anlaufstellen in den einzelnen Bundesländern zu uneinheitlichen Vorgehensweisen und Beratungsergebnissen, so dass eine Pflegeberatung unter Umständen einen Zufallserfolg abhängig vom Wohnort darstellt. Die Unabhängigkeit der jeweiligen Beratung wird wegen der Steuerung durch die Kassen häufig bezweifelt. Dies sind die Ergebnisse einer von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA) e.V. durchgeführten Podiumsdiskussion im Rahmen des 11. Deutschen Seniorentags im Juli 2015 in Frankfurt.

Im Vorfeld des Seniorentags sowie auf der dazugehörigen Messe SenNova wurde eine nicht repräsentative Umfrage durchgeführt. In der Umfrage wurden eventuelle Bedarfe und Defizite der Pflegeberatung eruiert. Die Umfrage-Ergebnisse flossen in die Podiumsdiskussion ein. Das Podium bestand aus Regina Junge, einer Referentin der BKK Landesverband Süd, Sandra Gratzkowski, einer beim Pflegestützpunkt Frankfurt a. M. beschäftigten Krankenkassenmitarbeiterin, Sascha Hinkel, einem kommunalen Vertreter als Mitarbeiter des Pflegestützpunkts Frankfurt a. M. sowie Frank Albohn, dem Geschäftsführer einer privaten Dienstleistungsagentur, die u.a. Pflegeberatung anbietet.

Sowohl die Diskutanten auf dem Podium als auch die Zuschauer entwickelten zu Beginn der Diskussion die These, dass immer noch zu wenig Betroffene die Angebote zur Pflegeberatung in Anspruch nehmen würden. Der Pflegestützpunkt Frankfurt a. M. erreicht beispielsweise nach eigenen Angaben etwa 1% der Frankfurter Bevölkerung. Dies vor dem Hintergrund, dass es nur einen Pflegestützpunkt in Frankfurt am Main gibt, der mit zwei Kräften besetzt ist, und angesichts von 17% Pflegebedürftigen.

Aus Erfahrung der BIVA in ihrer Beratungsarbeit, Ergebnissen der Umfrage und Feedbacks der Referenten vorab ergab sich der Gesamteindruck, dass die Mehrzahl der Bevölkerung verunsichert und unaufgeklärt hinsichtlich ihrer Rechte nach § 7a SGB XI ist. Dieser Eindruck bestätigte sich in Beiträgen während der Diskussion. Als Gründe für diese Unsicherheit hinsichtlich ihres gesetzlich geregelten Rechts auf Pflegeberatung ließen sich in der Gruppe der Pflegebetroffenen eine fehlende Aufklärung sowie eine mangelnde Informationspolitik der Kassen identifizieren. Die Informationspolitik der Kassen wurde als nicht ausreichend empfunden.

Diesem Vorwurf widersprach die Vertreterin der BKK mit dem Argument, man versende regelmäßig Aufklärungsflyer an die Versicherten. Das Versenden von Flyern sahen jedoch zahlreiche Teilnehmer als nicht ausreichend an. Viele bekundeten, noch nie entsprechende Informationen von ihrer Kasse erhalten zu haben. Die direkte Frage in das Publikum, wer schon einmal eine entsprechende Information erhalten habe, zeigte auf, dass allenfalls 5% dies bestätigen konnten. Bekanntes Informationsmaterial der Kassen wurde als zu unverständlich und unzugänglich bezeichnet. Gerade Mitglieder mit Migrationshintergrund seien darüber hinaus benachteiligt, weil Informationsmaterial nicht in ihrer Sprache zur Verfügung stehe. Ebenso sei es für bestimmte Bevölkerungsschichten schwierig, komplexe Sachverhalte aus Flyern zu entnehmen und zu verstehen.

Als weitere Hauptprobleme konnten die Intransparenz durch die bundesweit uneinheitliche Beratungsstruktur sowie Zweifel an der Unabhängigkeit eines Beratungssystems in den Händen der Kostenträger identifiziert werden.

Föderalismus

Die Pflegeberatung nach § 7a SGB XI kann durch Pflegeberater auf verschiedene Weise erfolgen. Zur wohnortnahen Beratung, Versorgung und Betreuung der Versicherten sollen die Pflege- und Krankenkassen Pflegestützpunkte einrichten, sofern die zuständige Landesbehörde dies bestimmt. Der Begriff „Pflegestützpunkt“ ist jedoch kein geschützter Begriff und wird regional durchaus unterschiedlich interpretiert und umgesetzt. In der Diskussion konnte schnell herausgestellt werden, dass es auf Bundesebene keine einheitlichen Standards dahingehend gibt, was ein Verbraucher erwarten darf. Auch ein einheitliches Logo oder Siegel, das eine einheitlichen Vorgehensweise oder einen einheitlichen inhaltlichen Standard zertifiziert, fehlt. Da es Sache der Bundesländer ist, Beratungsstrukturen aufzubauen, ist die Herangehensweise durchaus unterschiedlich. Länder wie Rheinland-Pfalz beispielsweise haben in den letzten Jahren ein engmaschiges Netz an Pflegestützpunkten aufgebaut, das Land Sachsen z. B. dagegen beruft sich auf anderweitige lange bestehende Beratungsstrukturen, die gebündelt werden sollen. Das Bedürfnis des Verbrauchers nach einer einheitlichen und wiedererkennbaren Beratungsstruktur war dagegen bereits Ergebnis der Umfrage. Auf die Frage danach, welche Beratungsstellen bekannt seien, war die meistgenannte Antwort mit 38% „Pflegestützpunkt“. Das Ergebnis spricht für Akzeptanz und Wiedererkennbarkeit trotz der inkonsequenten Umsetzung. Dabei muss man diese Einschätzung allerdings auf das interessierte Publikum einschränken, das mit der Umfrage und der Podiumsdiskussion erreicht worden ist. Menschen, die sich näher mit dem Thema Pflegebedürftigkeit beschäftigt haben, wünschen sich aus ihrer Erfahrung heraus eine einheitliche Wiedererkennbarkeit der Pflegeberatungsstellen.

Zudem ist es somit eine Frage des Wohnorts des Verbrauchers, was für eine Beratungsstruktur in welcher inhaltlichen Ausrichtung er erwarten darf. Über ein einheitliches Branding und gleichartige Beratungsleistungen in einer Region verfügen allenfalls die Beratungsstellen, für die dies landeseinheitlich entsprechend geregelt wurde. Die Podiumsteilnehmer des Pflegestützpunktes Frankfurt a. M. bestätigten, dass sie über ein klarstellendes Logo verfügen. Nach Bekunden einiger Teilnehmer aus dem Publikum, die aus anderen Regionen stammen, kann es aber auch hierbei Schwierigkeiten geben, wenn die Beratungsstellen nicht vollumfänglich bestimmten Anforderungen entsprechen. So gibt es beispielsweise in einigen Regionen innerhalb eines Bundeslandes lediglich eine „Pflegeberatung“, in anderen eine „Pflege- und Wohnberatung“. Eklatant fällt dies im Stadt-Land-Vergleich auf. Denn Bewohner des ländlichen Raums verfügen häufiger über Wohnungseigentum als Bewohner im urbanen Raum.

Das Publikum sah einheitlich ein Problem darin, dass im Rahmen eines Bundesgesetzes eine Umsetzung auf Landesebene erfolgen soll. Der Föderalismus hemme hier die für den Verbraucher nützliche Einheitlichkeit. Wünschenswert wäre es seitens des Publikums, wenn es flächendeckend Pflegestützpunkte mit einem einheitlichen Standard gäbe, die sowohl Pflegebedürftigen als auch Angehörigen als Anlaufpunkt dienten.

Pflegestützpunkte

Nach dem Wunsch der Diskussionsteilnehmer wären Pflegestützpunkte im Quartier jederzeit, auch wiederholt, erreichbar und würden den Betroffenen eine Begleitung und nicht nur Beratung bieten. Qualität und Tiefe der Beratung seien aber in den Bundesländern sehr unterschiedlich. In Hessen z. B. sei es gar nicht gewollt, eine Gesamtberatung von einer Stelle leisten zu lassen. Stattdessen soll die Vielzahl an Beratungsleistungen durch eine hohe Vernetzung mehrerer Institutionen gewährleistet werden. Der Vorteil von Pflegestützpunkten wird darin gesehen, dass diese sich nicht als einzige Anlaufstelle betrachten, sondern eher ihre zentrale „Lotsenfunktion“ betonen. Sie arbeiten beispielsweise mit Sozialrathäusern, Stadtteilbüros oder Beratungsstellen für bestimmte Erkrankungen, wie z.B. Demenz, zusammen und haben häufig im Laufe der Tätigkeit ein großes Reservoir an Informationen und regional einschlägigen Angeboten zusammengetragen. Die Mitarbeiter des Pflegestützpunktes sahen daher das Problem der Erstberatung als gelöst an. Sie seien keine Kriseninterventionsstelle, dafür gäbe es z.B. Sozialrathäuser.

Das Publikum widersprach dem teilweise, da es sich eine Beratung aus einer Hand wünscht. Pflegestützpunkte allein reichen dazu nicht aus. Allein schon die Öffnungs- und Sprechzeiten wirken einschränkend. Die gleiche Auffassung vertrat der Podiumsteilnehmer von der privaten Dienstleistungsagentur. Für ihn sei eine Beratung erst dann erfolgreich erfolgt, wenn ein Case-Management mit wiederholten Überprüfungen angelaufen sei. Dies könnten Pflegestützpunkte seiner Ansicht nach kaum leisten, da sie teilweise gar nicht über die notwendigen Fachkenntnisse verfügten. Des Weiteren leiste der Pflegestützpunkt Frankfurt a. M. nach eigenen Angaben mit zwei Mitarbeitern ca. 30 Beratungen am Tag und sei nur stundenweise für Publikumsverkehr geöffnet.

Umfang Pflegeberatung

Sowohl die Vertreter auf dem Podium als auch Fachleute aus dem Publikum haben bekundet, dass die Pflegeberatung eine große Herausforderung zu bestehen habe. In der Praxis hätten wenige Mitarbeiter, z. B. von Pflegestützpunkten, eine hohe Anzahl von Fällen zu bearbeiten. Der hohe Migrationsanteil wie beispielsweise in Frankfurt a. M. oder Ludwigshafen berge zusätzliche Erschwernisse.

Ein wachsender Beratungsanteil dürfte auch auf die pflegenden Angehörigen entfallen. Die Erstberatung mag noch geleistet werden, spätere Fragen würden jedoch nicht mehr gehört bzw. seien nur noch möglich, wenn die Angehörigen selbst aktiv und „penetrant“ seien. Man bräuchte eigentlich einen Coach, weil zu viele Fragen aufträten. Die Angehörigen entwickelten auch Hemmungen, das Beratungsangebot zu stark auszuschöpfen. Wichtig wäre hier ein begleitendes Case-Management, das aber nicht in allen Fällen der Pflegeberatung geleistet werden könne.

Die Diskussion um die Schwächen und Probleme im Pflegeberatungssystem wurde durch einen Beitrag einer Zuhörerin relativiert, dass in Deutschland bereits eine gute Beratungsstruktur bestehe. Die Deutschen hätten aber eine sehr hohe Anspruchshaltung und Ziel sei immer die „perfekte“ Beratung. Insgesamt war die Diskussion nicht durch Schwarz-Weiß-Malerei geprägt, sondern wurde konstruktiv und sachlich geführt.

Der Vertreter der privaten Dienstleistungsagentur sah den Vorteil der Privatberatung darin, dass konzentriert die „Ist-Situation“ erfasst werde, ein Versorgungsplan aufgestellt und dann auf Veränderungen der Situation eingegangen werden könne. Die Vertreterin der BKK betonte, dies würden die Pflegekassen ebenfalls im Rahmen der Pflegeberatung leisten. Dazu bedürfe es nur eines Anrufs bei der Pflegekasse, ein Pflegeberater käme ins Haus und stelle einen Pflegeplan auf bzw. korrigiere diesen immer wieder. Im Gegensatz zu einer privaten Agentur sei diese Vorgehensweise auch kostenlos, unabhängig und trägerneutral auch hinsichtlich der zentralen Heimplatzvermittlung.

Unabhängigkeit der Beratung

Im Rahmen der Diskussion zwischen dem Podium und den Teilnehmern kam wiederholt die Frage nach der Unabhängigkeit der Pflegeberatung auf. Die Diskutanten bezweifelten trotz der gegenteiligen Beteuerungen der Kassenvertreter, dass eine von den Kassen zu finanzierende Pflegeberatung generell unabhängig sein kann, da davon auszugehen ist, dass ein Kostenträger regelmäßig eigene Interessen verfolgen wird. Die Vermutung des Publikums wurde von einer Teilnehmerin aus Niedersachsen bestätigt, die als Mitarbeiterin eines Pflegestützpunktes bekundet hat, anweisungsgemäß bestimmte Leistungen nur „auf Nachfrage“ der zu Beratenden in die Beratung mit einzubeziehen. Damit wurde der „Generalverdacht“ bestätigt, dass jeder Beratende eine eigene Richtung der Beratung verfolgen könnte, sei es als Vertreter der Kassen oder kommunaler Vertreter. Diesem wurde mit dem Argument entgegengetreten, dass die Mitarbeiter von Pflegestützpunkten nicht über die Leistungen entscheiden, sondern allenfalls Möglichkeiten aufzeigen. Das Pflegestärkungsgesetz selbst definiert keine verpflichtenden Leistungen in bestimmten Situationen, sondern zeige allenfalls Möglichkeiten auf. Ausführungsgesetze hätten darüber hinaus keinen Einfluss auf die Leistungsgewährung im Einzelfall. Die Kassenvertreter betonten darüber hinaus, dass z. B. gerade die Mitarbeiter von Pflegestützpunkten alle Ratsuchenden gleichermaßen, unabhängig von deren Versicherungsgesellschaft, beraten würden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die derzeit deutschlandweit vorliegende Beratungssituation noch einige Defizite enthält und Fragen offenlässt sowie zu regionalen Ungleichgewichten führt. Auf den Idealfall angesprochen, wünschten sich die Diskussionsteilnehmer, neben präventiven Beratungsangeboten bereits vor dem Eintritt von Pflegebedürftigkeit, einen Aufbau einer umfassenden, schnellen, unabhängigen und begleitenden Hilfe und Beratung sowohl bei vorliegender als auch sich erst anbahnender Pflegebedürftigkeit, die deutschlandweit einheitlich ist. Angeregt wurde eine einheitliche „Notrufnummer“ für Betroffene und Angehörige, die zu einer niedrigschwelligen und zugehenden Beratung führt. Nach einer „Erstversorgung“ wünschten sich die Diskussionsteilnehmer dann ein echtes unabhängiges Case-Management unter Einbeziehung aller Beteiligten, mit regelmäßigen Beratungs- und Steuerungsgesprächen bis zum Ableben.