Montag, 30. Oktober 2017

Warum engagiert man sich für Pflegebedürftige?

Corinna Schroth ist eine von bislang knapp 25 ehrenamtlichen Regionalbeauftragten der BIVA. Regionalbeauftragte sind engagierte BIVA-Mitglieder, die als ehrenamtliche Vertrauenspersonen pflegebetroffene Menschen in ihrem lokalen Umfeld persönlich unterstützen und der BIVA ein Gesicht vor Ort geben. Seit etwa einem Jahr ist sie in dieser Funktion aktiv für pflegebetroffene Menschen in ihrer Heimat Oldenburg.

Im Interview verrät sie, warum sie sich ehrenamtlich für pflegebetroffene Menschen engagiert, wie sie konkret helfen kann und welche Erfahrungen sie gemacht hat.

BIVA: Ehrenamtliches Engagement liegt „im Trend“; mehr als 23 Millionen Menschen bekleiden ein Ehrenamt. Am häufigsten ist freiwilliges Engagement für Kinder oder Umwelt. Warum engagieren Sie sich für pflegebedürftige Menschen?

Schroth: Ich denke, das liegt an meinem persönlichen und (neben-)beruflichen Hintergrund. Als Schwester eines schwerpflegebedürftigen Bruders, kenne ich die Situation pflegender und begleitender Angehöriger. Mein Bruder lebte zunächst zuhause und – als das nicht mehr ging – später in einem Heim.

Über meine beruflichen Tätigkeiten – ich war in der Erwachsenenbildung für Führungskräfte in der Pflege tätig – wurden mir die Schwierigkeiten vertraut, denen Pflegende und Einrichtungsleiter ausgesetzt sind. Hierüber habe ich jedoch auch mitbekommen, dass manche Probleme hausgemacht sind und zum Wohle der Pflegebedürftigen gelöst werden können.

BIVA: Welche Sorgen und Probleme haben pflegebedürftige Menschen? Warum ist es wichtig, dass sich jemand für sie einsetzt?

Schroth: Ehrlich gesagt, kenne ich die Sorgen und Probleme der Pflegebedürftigen eher aus zweiter Hand, und zwar insbesondere über ihre Angehörigen. Im Übrigen haben auch diese aufgrund der Pflegesituation oft erhebliche „eigene“ Probleme, angefangen mit Überforderung bis hin zu teilweisem – ich muss es leider so sagen – unverschämten Umgang seitens des (Heim-)Personals oder auch der Behörden. Es sind also sowohl die Pflegebedürftigen selbst, die Unterstützung benötigen, als auch ihre Angehörigen. Deshalb hat ja auch die BIVA in ihrem Langnamen mit dem Begriff der „Pflegebetroffenen“ die Pflegebedürftigen und deren Angehörige im Blick.

Doch zurück zu Ihrer Frage: Da weiß ich kaum, wo ich anfangen oder aufhören soll. Schwierigkeiten haben insbesondere „mutige“ Angehörige, die sich zum Wohl ihrer pflegebedürftigen Angehörigen für diese einsetzen. Dabei geht es z.B. darum, dass sie die Pflegedokumentation einsehen wollen, wissen wollen, welche Medikamente verabreicht werden oder wie es sein kann, dass ein hochgradiger Dekubitus entstehen konnte, oder auch möchten, dass der Pflegebedürftige mit in Gemeinschaftsveranstaltungen einbezogen wird. Unliebsame Angehörige – auch das habe ich mitbekommen – sehen sich der Gefahr ausgesetzt, dass ihnen auf Betreiben des Heims hin von jetzt auf gleich ein Betreuer vor die Nase gesetzt wird, um sie „auszubremsen“.

Aber es geht auch um Probleme, die dadurch entstehen, dass den Angehörigen beispielsweise nicht bewusst ist, dass es sich bei einer Einrichtung nicht um ein Kleinheim, sondern um eine selbstverantwortete Wohngemeinschaft handelt. Diese Irritationen – mit den entsprechenden finanziellen Folgen – können dann entstehen, wenn es weder eine Vereinbarung zu einer Auftraggebergemeinschaft noch ein Hausgemeinschaftskonzept gibt und – je nach Bundesland – auch nicht geben muss.

BIVA: Sie fühlen sich also nicht ausschließlich für Heimbewohner zuständig, sondern für alle Pflegebedürftigen, unabhängig von der Wohnform?

Schroth: Aber ja. Und ich denke, gerade die ambulant betreuten Wohngemeinschaften als relativ neue Wohnformen werden uns künftig vermehrt beschäftigen. Beispielsweise, wenn es um die eben genannten finanziellen Schwierigkeiten in selbstverantworteten Wohngemeinschaften geht: Anders als in Heimen oder trägerverantworteten Wohngemeinschaften werden verschiedene Hilfsmittel nicht seitens der „Einrichtung“ gestellt. Vielmehr muss sich die Wohngemeinschaft selbst darum kümmern, so z.B. um Haltegriffe im Sanitärbereich.

Im Übrigen wenden sich auch Bewohnervertreter (Heimbeiräte) und Betreuer an mich. Selbstverständlich helfe ich auch da gern weiter. Schließlich geht es denen ja um das gleiche Ziel wie der BIVA: die Verbesserung der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen.

BIVA: Was tun Sie konkret, um pflegebetroffene Menschen zu unterstützen?

Schroth: In den meisten Fällen schlage ich ein klärendes Gespräch vor und biete meine Begleitung an. Je nach Fragestellung verweise ich auf die Heimaufsicht oder den MDK oder beziehe die KollegInnen vom BIVA-Beratungsdienst mit ein.

Beim BIVA-Stammtisch, der sich allerdings noch weiterentwickeln sollte, können sich die Pflegebetroffenen austauschen. Ich nehme hierzu immer reichlich Infomaterial, überwiegend von der BIVA, mit. Das wird gern genommen. Auffallend ist, dass viele Pflegebetroffene ihre Rechte und Möglichkeiten nicht kennen. Nach dem Motto „Wissen macht stark“ kann hier der eine oder andere Tipp weiterhelfen.

BIVA: Sie wenden sich demnach vor allem an Privatpersonen und versuchen zu informieren oder ggf. zu vermitteln. Wie reagiert man auf Sie von Seiten der Anbieter, der Behörden, der Kassen oder anderer Personen, die beruflich mit Pflegebedürftigen zu tun haben? Wo sehen Sie noch Probleme und Verbesserungsbedarf im Zusammenspiel?

Schroth: „Offiziell“ begegnet man mir – manchmal nach anfänglichem Widerstand – freundlich oder zumindest respektvoll. Mit den Behörden, mit denen ich bislang zu tun hatte, funktioniert die „Zusammenarbeit“ mittlerweile ausgesprochen gut. Ich denke, dass auch die meisten Anbieter allmählich begreifen, dass ich nicht auf „Krawall gebürstet“ bin, sondern versuche, dazu beizutragen, eine tragfähige Lösung herbeizuführen.

BIVA: Wir wissen, dass Sie sich schon seit vielen Jahren für pflegebedürftige Menschen einbringen. Brauchen Sie da überhaupt den „Titel“ BIVA-Regionalbeauftragte? Wie hat die BIVA Sie in Ihrem Vorhaben unterstützt?

Schroth: Auf jeden Fall ist der „Titel“ hilfreich. Das „Gesicht vor Ort“ ermutigt die Pflegebetroffenen, Unterstützung nachzufragen und anzunehmen.

Zur Unterstützung durch die BIVA: Schon der Auftaktworkshop war sensationell. Und das „Schatzkästlein“, das die Regionalbeauftragten bekommen, birgt neben Materialien eine Vielzahl wertvoller Tipps und Vorlagen, z.B. mit regionalen Adressen, Mustern von Zeitungsmeldungen oder auch Visitenkarten. Wann immer ich eine Frage oder Bitte habe, erfolgt prompte Erledigung. Ich denke da z.B. an den Einladungsflyer für den Stammtisch, Aufkleber für die BIVA-Flyer mit den Daten für den Stammtisch und den elektronischen Veranstaltungskalender. Und wenn ich einmal nicht weiter weiß, kann ich mich mit den MitarbeiterInnen der Geschäftsstelle austauschen.

BIVA: Sie sagten eingangs, dass Sie aufgrund Ihres persönlichen und beruflichen Hintergrunds an diese Zielgruppe geraten sind. Ist Vorwissen notwendig, wenn man sich ehrenamtlich als Regionalbeauftragter engagieren will?

Schroth: Ich denke, die Voraussetzungen sind nicht sehr hoch. Das Tolle ist, dass man als Regionalbeauftragter weder zeitlich noch inhaltlich festgelegt ist, sondern aus vielen verschiedenen möglichen Tätigkeiten wählen kann. Das geht vom Verteilen von Infomaterial über die Vermittlung zum BIVA-Beratungsdienst oder das Knüpfen von Kontakten bis hin zu persönlicher Begleitung. Man hat auch den Freiraum, eigene Ideen zu entwickeln und sein Wissen und seine Erfahrung einzubringen. Wichtig ist, dass die Pflegebetroffenen überhaupt erfahren, dass es Unterstützung durch die BIVA gibt.

Regionalbeauftragte der BIVA

Regionalbeauftragte sind engagierte Mitglieder der BIVA, die als ehrenamtliche Vertrauenspersonen pflegebetroffene Menschen in ihrem lokalen Umfeld persönlich unterstützen und das Gesicht der BIVA vor Ort sind. Hier finden Sie nähere Informationen zu den Regionalbeauftragten und wie man Regionalbeauftragter werden kann.