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Dienstag, 29. Mai 2018

Podiumsdiskussion: Pflege-WG als echte Alternative?

Datum/Zeit
29.05.2018 I 9:30 - 11:00 Uhr 29.05.2018

Veranstaltungsort
Westfalenhallen
Rheinlanddamm 200
44139 Dortmund


Im Rahmen des 12. Deutschen Seniorentags veranstaltet die BIVA eine Podiumsdiskussion zum Thema „Pflege-WG als echte Alternative? Wohnen zwischen Verbraucherschutz und Selbstbestimmtheit“.

Mitwirkende:

  • Isabel Cramer – Geschäftsführung Soziales Zentrum Dortmund
  • Claudius Hasenau – Erster Vorsitzender Wohnen in Gemeinschaft NRW e.V.
  • Dirk Suchanek – Leiter des Referats für Landesrecht Pflege, Wohn- und Teilhabegesetz im MAGS NRW
  • Silke Hachenberg – Angehörige und erste Vorsitzende Wohnvielfalte.V.
    Moderation: Ulrike Kempchen – Leiterin Recht, BIVA e.V.

Bericht:

Pflege-Wohngemeinschaften entsprechen dem Wunsch nach einem möglichst selbstbestimmten Leben bis ins hohe Alter. Auch die Politik setzt auf diese Alternative, um dem steigenden Versorgungsbedarf auch zukünftig gerecht zu werden.

Pflege-WGs bedeuten im Vergleich zu stationären Einrichtungen weniger staatliche Kontrolle. Die Selbstbestimmtheit der Bewohner soll gestärkt werden. Weniger staatliche Kontrolle heißt aber auch weniger staatlichen Schutz für die Schutzbedürftigen.

Wie diese Balance zwischen Schutz und Selbstbestimmtheit gelingen kann, war die Leitfrage der Podiumsdiskussion. Die Diskutanten zeichneten insgesamt ein positives Bild der Wohnform. Allerdings wurde auch deutlich, dass es noch einigen Regelungsbedarf gibt und das Leben in einer WG ist nicht für jedermann geeignet ist.

Claudius Hasenau, Vorsitzender des Vereins „Wohnen in Gemeinschaft“, der WG-Betreiber berät, lobte die Regelungen in Nordrhein-Westfalen, wegen der Unterscheidung von selbstverantworteten und anbieterverantworteten Wohngemeinschaften. „Dem
unterschiedlichen Grad der Selbstbestimmung und somit dem Schutzbedarf wird damit Rechnung getragen“, so Hasenau.

Der Leiter des Referats für Landesrecht Pflege, Wohn- und Teilhabegesetz im Gesundheitsministerium NRW, Dirk Suchanek, betonte ebenfalls diese Gratwanderung: die Notwendigkeit zu regulieren, aber nicht alles vorzuschreiben. In NRW unterliegen anbieterverantwortete WGs der Kontrolle durch die Heimaufsichten und werden geprüft. Dies sei wegen der Abhängigkeit der Bewohner und Schutzbedarfs unverzichtbar. Der Staat habe die Aufgabe, den Mindeststandard zu wahren.

Isabel Cramer, die Geschäftsführerin des Sozialen Zentrums Dortmund, konnte bestätigen, dass Pflege-WGs häufiger unvorbereitet kontrolliert würden. Sie betonte, dass die Prüfungen der Qualitätssicherung dienlich seien. Qualität und wie man diese messen kann war für sie die Kernfrage der Diskussion über Pflege-WGs. Entscheidendes Kriterium hierbei sei die Bewohnerzufriedenheit, die man evaluieren müsse.

Silke Hachenberg, die einzige Teilnehmerin, die nicht aus NRW kommt, hatte keinen derart positiven Eindruck von der staatlichen Regulierung bei Pflege-WGs. Als Vorsitzende des Vereins „Wohnvielfalt“ berät sie in Baden-Württemberg Menschen, die Pflege-WGs gründen wollen. Sie berichtete von vielen Hindernissen dabei. Vorschriften und Auflagen engten oft ein und bevormundeten in vielerlei Hinsicht. Daher berate sie fast nur selbstverantwortete WGs, wo es mehr Spielräume gebe. Sie plädierte für neue Ideen und neue Angebote.

Pflege-WGs sind zurzeit ein „Boom“-Thema. Das ließ sich auch an der regen Beteiligung aus dem Publikum ablesen. Es wurden viele gezielte Fragen gestellt, obwohl nur sehr wenige Zuhörer bereits eigene Erfahrungen mit Pflege-WGs gemacht hatten. Drängende Fragen waren v.a. die nach Qualitätssicherung und nach der konkreten Umsetzung von WG-Konzepten.

Kritisch nachgefragt wurde beispielsweise nach Schutzrechten für Bewohner, wenn Wohnraum- und Pflegevertrag komplett getrennt voneinander sind. In diesem Fall gelten etwa die Kündigungsrechte nach dem Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz (WBVG) nicht. Hachenberg betonte die große Rolle, die die Angehörigen dabei spielen, wenn nicht alles durch spezielle Verbrauchergesetze geregelt ist. Cramer berichtete aus ihrer Berufserfahrung heraus, dass sie nur extrem selten und bei schwerwiegenden Fällen einen Pflegevertrag kündigen musste. Suchanek ergänzte, dass er auch Extremfälle kenne. Oftmals würden sich aber auch die Angehörigen gegen Auflagen wehren, wohl aus Angst vor Aufgabe der Pflegedienste oder aus Angst vor evtl. Mehrkosten.

Die Diskussionsrunde konnte sich einem „Erfolgsrezept“ für Pflege-WGs annähern: Eine Pflege-WG bedarf Regeln und umfassender Beratung. Zudem muss transparent und offen kommuniziert werden. Für Angehörige bedeutete dies einiges an Aufwand und Engagement. Ihre Rolle wird häufig unterschätzt.


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