Montag, 24. November 2014

Sucht und Medikamente im Alter

Sucht im Alter ist derzeit ein großes Thema, handelt es sich doch um eine lange unbeachtete „Privatangelegenheit“. Derzeit geht man davon aus, dass allein aufgrund des demografischen Wandels die Zahl suchtkranker Menschen im Alter stark steigen wird. Ein Risiko vermehrten Suchtmittelkonsums sehen Forscher in der Häufigkeit des Auftretens körperlicher und psychischer Beschwerden, die mit diversen Medikamenten behandelt werden. Weiterhin führen im Alter vermehrt auftretender Verlustereignisse in Familie und Freundeskreis zu einem erhöhten Konsum von Tabletten, Alkohol und Tabak. Hinzu kommt, dass Suchtmittel, wie z.B. Alkohol, bei älteren Menschen stärker wirken und daher zu höheren Schäden bei den Betroffenen führen. Interessant ist, dass es auch im Alter geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Da Frauen eher mit psychisch bedingten Krankheiten und Belastungen in Verbindung gebracht werden als Männer, bei denen eher somatisch bedingte Ursachen vermutet werden, ist der Anteil der verordneten Tagesdosen an Psychopharmaka an Frauen mit 56% deutlich höher als bei Männern (BARMER-Report). Es liegt die Vermutung nahe, dass Rollenstereotype durchaus Einfluss auf die Verordnungen haben. Davon abgesehen erhalten gerade hochaltrige Menschen aufgrund zunehmender Multimorbidität eine Vielzahl verschiedener Wirkstoffe, die durchaus Wechselwirkungen entfalten. Nicht zu vergessen ist dabei noch eine gewisse Dosis an Selbstmedikation sowie die Konsultation einer Vielzahl von Ärzten. Studien belegen, dass ein Mensch im höheren Alter von durchschnittlich vier Ärzten behandelt wird. Schwierig soll dabei die Handhabung von Schlafmitteln sein. Eine Studie von Hoffmann/Glaeske hat ergeben, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Verordnungen für gesetzlich Krankenversicherte dabei über Privatrezepte läuft, die nicht in den Kassendaten erscheinen. Gerade abhängig machende Medikamente werden so hinsichtlich Häufigkeit und Dauer der Verordnung nicht hinreichend erfasst.

Mittlerweile befassen sich schon Publikationen mit einem möglichen Zusammenhang zwischen der langjährigen Einnahme von benzodiazepinhaltigen Medikamenten und dem Auftreten von Alzheimer-Demenz. Fatal soll dabei in der Versorgung demenziell Erkrankter sein, dass insbesondere Menschen, die bereits unter kognitiven Einschränkungen leiden, deutlich mehr an ruhigstellenden Benzodiazepinen verschrieben bekommen sollen, als andere ohne Demenz. Verschlechterungen seien dadurch vorprogrammiert, würden aber augenscheinlich in Kauf genommen bzw. keinen Grund für einen Verzicht darstellen. Als Folge können nach der Einnahme von Beruhigungsmitteln auch am nächsten Morgen noch sog. Hang-Over-Effekte eintreten, die vermehrt zu Stürzen und in Folge dessen zu schlecht verheilenden Knochenbrüchen führen. Stationäre Einrichtungen sind mit der Problematik von Stürzen vertraut und wissen, welche Gefahren für alle Betroffenen bestehen.

Viele ältere Menschen sehen keinen Grund, nicht auf die Richtigkeit von Verordnungen zu vertrauen und hinterfragen entsprechende Anordnungen nicht. Davon abgesehen wird das Suchtmittel unter Umständen auch zum „Freund“, der das Leben erleichtert. Menschen, die sich ohnehin schon aufgrund ihres Lebens in einer stationären Einrichtung in einem Abhängigkeitsverhältnis befinden, trauen sich nicht, den Mund zu öffnen, um ein eventuell auftretendes Misstrauen zu kommunizieren. Hinzu kommt das Vertrauen, dass die Pflegekräfte „schon wissen, was das Beste ist“.

Wie sehen Sie das als Betroffene, Angehörige oder Pflegekräfte: Soll man Verordnungen hinterfragen? Gibt es in Ihren Einrichtungen Präventionsprogramme oder sind die dort lebenden Menschen ohnehin schon so stark pflegebedürftig, dass man sich über die Medikation keine Gedanken mehr macht? Geht das Thema Dritte überhaupt etwas an? Diskutieren Sie auf unserer facebook-Seite www.facebook.com/biva.de.