Donnerstag, 30. April 2015

Sterben, Tod und Palliativversorgung

Auf die Frage, wo sich die Deutschen ihr Lebensende vorstellen, ist die häufigste Antwort nach wie vor: zu Hause. Etwa die Hälfte der Befragten einer repräsentativen Studie der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege von 2014 gaben die eigenen vier Wände als Wunsch für ihren Sterbeort an. 2012 waren es in einer Umfrage des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands allerdings noch 66 Prozent. Dem gegenüber hat die Angabe „Hospiz“ in den zwei Jahren deutlich zugenommen (von 18 % auf 27 %). Dazu passt, dass mehr als die Hälfte der Befragten sich wünschen, nicht alleine zu sterben. Es zeichnet sich also eine Tendenz ab, nach der guter Versorgung und Begleitung eine immer größere Bedeutung eingeräumt wird.

Hospiz, Krankenhaus, Pflegeheim oder ambulant – Wo wird man am besten versorgt?

Eine Studie des Gießener Organisationswissenschaftler Wolfgang George bescheinigt Hospizen die beste Eignung zur Sterbebegleitung. Dort seien die Voraussetzungen für eine gute Versorgung Sterbender in größerem Maße als in Krankenhäusern und Pflegeheimen gegeben: die Pflegekräfte seien für die speziellen Anforderungen qualifiziert und könnten sich aufgrund des höheren Personalschlüssels mehr Zeit nehmen. Allerdings ist der Anteil der Menschen, die im Hospiz sterben, mit etwa 3 Prozent verschwindend gering. Die meisten (knapp die Hälfte) sterben im Krankenhaus, etwa 40 Prozent im Pflegeheim und 10 Prozent zu Hause.

Hospize können die beste Versorgung garantieren, da sie höher qualifizierte Kräfte und die nötige Infrastruktur an Personal, Angeboten und Ausstattung bieten. Dass dennoch nur ein solch geringer Anteil der Sterbenden seine letzten Stunden in einem Hospiz verbringt, liegt vor allem daran, dass es deutschlandweit nur ca. 220 stationäre Hospize gibt und dass ein Wechsel von einem Pflegeheim in ein Hospiz meist nicht möglich ist. Grund dafür sind die viel höheren Kosten: So müssen die Kassen in einem Pflegeheim Leistungen in Höhe der Pflegeeinstufung erbringen, also ca. 1600 bis 2000 € pro Monat. Im stationären Hospiz belaufen sich die Leistungen auf mehr als 6000 € monatlich.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen also weiterhin auseinander. Dass die Vorstellung eines Todes in vertrauter Umgebung im Kreis seiner Angehörigen schon seit der Professionalisierung der Krankenversorgung in den 1950ern nicht mehr der Realität entspricht, scheint den Menschen nach und nach bewusst zu werden. Auch wenn das Pflegeheim für die Bewohner den Lebensmittelpunkt bildet, also durchaus das „Zuhause“ darstellen kann, unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung von professioneller Sterbebegleitung. Die Zahlen und Studien zeigen vor allem, dass es enorme Unterschiede in der Palliativversorgung gibt.

Hospiz- und Palliativgesetz

Dem Thema Palliativversorgung hat sich aktuell das Bundesgesundheitsministerium (BMG) angenommen. Dem Entwurf von Bundesminister Hermann Gröhe für ein neues Hospiz- und Palliativgesetz nach, sollen hierfür künftig bis zu 200 Millionen Euro pro Jahr von den gesetzlichen Krankenkassen bereitgestellt werden. Sterbende Menschen sollen damit weit umfassender betreut werden, ob zu Hause, in Heimen, Hospizen oder Krankenhäusern. Lücken in der Hospiz- und Palliativversorgung vor allem auf dem Land sollen geschlossen werden. Beispielsweise werden nicht mehr nur 90, sondern 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten für Hospize übernommen. Das Bundeskabinett hat den Entwurf am 29.04.2015 verabschiedet.

Nicht zuletzt erwartet man sich von dem neuen Gesetz auch Entspannung in einer anderen emotional aufgeladenen und kontroversen aktuellen Debatte: der über aktive Sterbehilfe. Menschen, die am Lebensende gut versorgt werden – so ist die Hoffnung – bitten seltener um Beihilfe zum Suizid oder um aktive Sterbehilfe. Dabei kann sich das BMG auf die Einschätzung der Bundesärztekammer stützen, nach der schwerkranke Menschen von ihrem Sterbewunsch abkämen, wenn sie sich geborgen und gut versorgt fühlten.

Der Hintergrund für die große Befürwortung ärztlich assistierter Suizidbeihilfe – in Studien über zwei Drittel der Befragten – liegt sicherlich zu einem großen Teil in der Angst vor einem Dahinsiechen und einsamen Sterben begründet. Sein Leben aktiv zu beenden, erscheint gegenüber dieser Alptraumvorstellung als (bessere) Alternative. Eine flächendeckende professionelle Palliativversorgung unabhängig von der Einrichtungsform muss demnach das Ziel sein. Doch kann das neue Gesetz dies leisten?

Der Gesetzesentwurf ist von den meisten Seiten gut angenommen oder zumindest als Schritt in die richtige Richtung gewertet worden. Allerdings gibt es auch Forderungen, an verschiedenen Stellen nachzubessern. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml macht sich dafür stark, dass künftig 100 Prozent der zuschussfähigen Kosten für stationäre Hospize und ambulanten Hospizdienste von den Krankenkassen übernommen werden. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, sieht das grundsätzliche Problem weiterhin nicht gelöst. Er fordert, die Versorgungsunterschiede zwischen Pflegeheimen und Hospizen – also die Kassenleistungen, die etwa 5000 € monatlich auseinanderklaffen – durch eine zusätzliche Pflegestufe für Sterbende zu schließen. Nur so könne das „Zwei-Klassen-System“ für Sterbende überwunden werden (s. Pro Alter, Ausgabe 02/2015). Zudem gibt es keinen Rechtsanspruch auf professionelle Sterbebegleitung und die Angehörigen sind, etwa nach der Meinung der Grünen-Gesundheitspolitikerin Elisabeth Scharfenberg, nicht genügend berücksichtigt worden. Insgesamt ist fraglich, ob insbesondere die Belange von Bewohnerinnen und Bewohnern von stationären Pflegeeinrichtungen ausreichend berücksichtigt werden (s. hierzu die Stellungnahme der BIVA).