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Interview: Rechtliche Betreuung aus Sicht eines Vereinsbetreuers

Gesetzliche Betreuung wird neben Angehörigen auch von selbstständigen Berufsbetreuern und sogenannten Vereinsbetreuern ausgeübt, also von Angestellten eines anerkannten Betreuungsvereins nach § 1908f. BGB. Im Unterschied zu den selbstständigen Berufsbetreuern beziehen Vereinsbetreuer ihr Gehalt vom Verein und haben nicht direkt Anspruch auf Betreuungsvergütung. Neben der rechtlichen Betreuung gewinnen, beraten und bilden sie zudem häufig ehrenamtliche Betreuer fort. Solche sogenannten „Querschnittsaufgaben“ werden häufig bezuschusst.

Frank Nixdorf ist Vereinsbetreuer. Der Sozialarbeiter leitet seit 2008 den Fachbereich Betreuungen im Betreuungsverein Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer für den Rhein-Erft-Kreis. Wir haben ihn zu Berufsbild, Aufgaben und Problemen in seiner Tätigkeit befragt.

BIVA: Herr Nixdorf, was bedeutet „Betreuung“ für Sie?

Frank Nixdorf: Betreuung ist eine gesetzliche Vertretung vor Behörden und Institutionen von Menschen mit Behinderungen, die ihre alltäglichen Angelegenheiten nicht mehr selbstständig regeln können. Dabei stehen für mich das Wohl und der freie Wille des Menschen im Vordergrund. Mit viel Einfühlungsvermögen versuche ich auf den einzelnen Menschen einzugehen. Dabei versuche ich so viel wie möglich Eigenständigkeit zu belassen und zu fördern. Hier spielt die Lebensgeschichte und die Umgebung des Menschen eine wichtige Rolle. Nur so kann ich den Menschen in seiner individuellen Situation verstehen.

BIVA: Wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen?

Frank Nixdorf: Nach der Beendigung meines Studiums im Jahr 1994 wurde ich von einer früheren Studienkollegin angesprochen, ob ich nicht in ihrem Betreuungsverein anfangen möchte. Sie war dort schon seit einiger Zeit tätig. Ich kannte mich in diesem Bereich bisher nicht aus und musste mich als Berufsanfänger komplett einarbeiten. Das war manchmal nicht einfach. Damals war das Betreuungsgesetz neu. Das alte Vormundschaftsrecht wurde 1992 abgelöst. Aufgrund dieser Gesetzesreform wurden die Betreuungsvereine vom Land und den Kommunen finanziell ausreichend gefördert. So konnten neue Stellen geschaffen werden. Viele Betreuungen wurden damals von den Mitarbeitern der Jugendämter übernommen, die teilweise noch über 100 Vormundschaften führten. Die Fallzahl der Vereinsbetreuer wurde auf 40-50 Betreuungen begrenzt. Die Vereine hatten die Aufgabe übernommen ehrenamtliche Betreuer zu werben, zu beraten und fortzubilden. Diese Aufgabe habe ich von Anfang an übernommen und macht mir heute noch sehr viel Freude.

BIVA: Worin und wie sehen Sie Ihre Aufgaben von dem offiziellen Aufgabenkreis abgesehen?

Frank Nixdorf: Für mich ist es zunächst wichtig eine Beziehung zum Betreuten aufzubauen. Diese funktioniert nur mit regelmäßigen persönlichen Kontakt. Dabei steht als erstes der Mensch im Mittelpunkt und nicht die Interessen der Umgebung oder anderer Institutionen. Ich sehe es als meine Aufgabe an mich für der Interessen des Betreuten einzusetzen.

BIVA: Was für Probleme sind Ihnen bekannt? Was gibt Ihnen die Arbeit?

Frank Nixdorf: Leider haben wir immer weniger Zeit für den Menschen, da wir aufgrund der nicht ausreichenden Finanzierung dazu gezwungen sind mehr Fälle anzunehmen. Seit 2005 wurden die Betreuervergütung nicht mehr angehoben. Gleichzeitig werden die Betreuungen schwieriger. In den letzten Jahren übernehmen wir viele junge Menschen, die psychisch erkrankt und meistens hoch verschuldet sind.

Hinzu kommt, dass im Jahr 2003 das Land die Bezuschussung der Vereine erheblich reduziert hat, so dass wir auch die Beratung und Begleitung von ehrenamtlichen Betreuern auf das Notwendigste einschränken mussten. Zum Glück werden im Rhein-Erft-Kreis seit 2009 die Betreuungsvereine durch die Kommunen unterstützt, so dass wir die Arbeit mit den Ehrenamtlichen und die Beratung über Vorsorgemöglichkeiten wieder intensivieren konnten. Leider reicht aber in den letzten zwei Jahren auch diese Förderung nicht mehr aus. Um kostendeckend zu arbeiten müssten wir mittlerweile über 50-60 Fälle annehmen. Hier bleibt für eine persönliche Betreuung und für die Beratungstätigkeiten nur noch wenig Spielraum.

BIVA: Was gibt Ihnen die Arbeit?

Frank Nixdorf: Trotz dieser Schwierigkeiten macht mir die Arbeit sehr viel Spaß. Es ist ein schönes Gefühl für benachteiligte Menschen etwas zu erreichen. Manchmal kommt auch unerwartet ein Dankeschön vom Betreuten oder eine positive Rückmeldung von Angehörigen. Durch meine Erfahrungen in diesem Bereich lebe ich mein Leben intensiver und bin dankbar für jeden Tag, den ich gesund erleben darf.

BIVA: Welche Erfahrungen machen Sie mit Angehörigen und Einrichtungen?

Frank Nixdorf: Die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Ich gehe grundsätzlich am Anfang einer Betreuung auf Angehörige zu und versuche sie miteinzubeziehen. Ich versuche dabei klar zu machen, dass ich ausschließlich die Interessen des Betreuten vertrete. Das ist manchmal nicht so einfach, wenn es unterschiedliche Parteien innerhalb einer Familie gibt. Manche Angehörige haben auch den Kontakt zum Betreuten abgebrochen, weil sie mit dem Krankheitsbild überfordert waren. Das kann ich teilweise auch nachvollziehen. Ich versuche in diesen Fällen wenn es die Zeit zulässt, den Kontakt zu vermitteln. Es gibt aber auch leider Angehörige, die melden sich erst, wenn der Betreute verstorben ist, um den finanziellen Stand zu erfragen. Viele sind aber auch dankbar über die erfahrene Hilfe, da sie erhebliche Entlastung erfahren.

Die Arbeit mit den Einrichtungen läuft überwiegend gut. Viele Einrichtungen kenne ich schon sehr lange und durch die Kontakte zur Leitung und dem Personal kann ich vieles für den Betreuten erreichen. Allerdings gibt es auch manchmal Probleme. Ich erfahre, dass in den letzten Jahren aufgrund von Personalmangel viele früher selbstverständliche Leistungen nicht erbracht werden können. Hier gehört zum Beispiel die Begleitung zu Arztbesuchen oder ambulanten Terminen in Krankenhäusern, das Einkaufen von Kleidung und vieles mehr. Ich versuche mich in diesen Fällen mit der Einrichtung zu einigen und, wenn die finanzielle Situation es zulässt, die Aufgaben zu delegieren. Wenn es nicht möglich ist, übernehme ich auch diese zusätzliche Aufgabe.