Quartierskonzepte in der Altenhilfe | BIVA
Freitag, 09. Februar 2018

Quartierskonzepte in der Altenhilfe

Idee

Unter dem Schlagwort „Quartier“ oder „Quartierskonzept“ versteht man nicht weniger als eine tiefgreifende Strukturveränderung in der Altenhilfe. Quartierskonzepte sollen einen sozialen Raum schaffen, in dem es durch koordinierte Angebote und gegenseitige Hilfen auch älteren und pflegebedürftigen Menschen möglich ist, in ihrem vertrauten Umfeld wohnen bleiben zu können.

Quartierskonzepte sollen als Teil des allgemeinen Grundsatzes „ambulant vor stationär“, der mit Einführung der Pflegeversicherung 1995 etabliert wurde, Antwort auf zwei Probleme geben: Zum einen hofft man so dem Wunsch der Menschen zu entsprechen, in ihren „eigenen vier Wänden“ wohnen zu bleiben. Zum anderen soll damit zur Entlastung der Sicherungssysteme beigetragen werden, indem weniger Menschen die vergleichsweise teure stationäre Versorgung in Anspruch nehmen.

Beides soll damit erreicht werden, dass Wohn- und Versorgungsangebote in den Stadtteilen und Wohnquartieren besser vernetzt werden. Vorhandene Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten sollen effektiver und besser zugeschnitten auf das individuelle Problem vermittelt werden. Daneben stehen Eigeninitiative und gegenseitige Hilfe im Mittelpunkt, insbesondere im Zusammenspiel von älteren und jüngeren Menschen. Es sollen soziale Netzwerke und Verbindungen zwischen allen Generationen unterstützt werden. Gemeint sind damit Maßnahmen, wie Alltagshilfeleistungen, gemeinsame Freizeitbeschäftigungen, aber auch sozial-bauliche Maßnahmen.

Geschichte des Konzepts

Das Konzept des Quartiersmanagement wurde Ende der 90er Jahre entwickelt als Lösungen für soziale Probleme in benachteiligten Gebieten. Nachdem in den Jahren vorher vor allem auf Städtebau zur Aufwertung benachteiligter Nachbarschaften gesetzt wurde, ging es nun auch um Grünflächen, Freizeitangebote, Bildung und das Zusammenleben, indem vor allem Bürger und Initiativen vor Ort aktiviert werden sollten. Quartierskonzepte in der hier beschriebenen Form gibt es seit fünf bis zehn Jahren. Meilensteine in der Entwicklung waren die Bücher „Zukunft Quartier“ der Bertelsmann-Stiftung von 2010 und „KDA-Quartiershäuser“ des Kuratoriums Deutsche Altershilfe von 2012. Mittlerweile gibt es Erkenntnisse aus Pilotprojekten und einige Kommunen haben ihre eigenen Umsetzungsmöglichkeiten gefunden. Ein bedeutendes Quartierskonzept im Hinblick auf die Pflege ist das sogenannte „Bielefelder Modell“. Darin hat sich ambulante Versorgung zu einer tatsächlichen Alternative zur stationären Heimaufnahme entwickelt, da Versorgungssicherheit und Rund-um-die-Uhr-Betreuung anders sichergestellt wird. Das wird erreicht, in dem der Pflegedienst auch nachts und am Wochenende mindestens eine Kraft in seinem Stützpunkt in Bereitschaft hält, damit diese auf kurzfristige Anforderung tätig werden kann.

Prinzipien

Sozialraumorientiert

Versorgung geht in der Regel vom einzelnen Betroffenen aus, dem in der Akutsituation möglichst passgenaue Hilfen angeboten werden sollen. Mit Quartierskonzepten wird versucht, schon einen Schritt früher anzusetzen und vom sozialen Raum aus zu denken, der generationengerecht gestaltet ist.

Beteiligungsorientiert

Zentral sind Kooperationen und Netzwerke, niemand soll als einzelner Akteur denken. Dabei sollen nicht nur die professionellen Dienste, sondern auch die Quartiersbewohner selbst beteiligt werden.

Dezentral, flexibel und ganzheitlich

Im Fokus steht nicht allein, die einzelne Dienstleistung für den konkreten Bedarf zu finden, sondern darüber hinaus, das gesamte Lebensumfeld zu optimieren. Dies geschieht durch den Ausbau von altersgerechten Wohnräumen für pflegebedürftige Menschen, adäquaten Freizeitangeboten und durch die Unterstützung und Betreuung durch (ambulantes) Pflegepersonal. Die Größe eines Quartiers soll nicht starr vorgegeben, sondern an der jeweiligen örtlichen Struktur orientiert sein und etwa eine Gemeinde, ein Stadtviertel oder ein Wohngebiet umfassen.

Vernetzung und Koordination

Bestehende Strukturen sollen in den Quartieren besser vernetzt und koordiniert werden. Dies kann beispielsweise durch einen Stützpunkt vor Ort geschehen, der die Angebote und Ressourcen kennt, koordiniert, kostenlos Hilfen vermittelt und im Notfall Ansprechpartner rund um die Uhr ist. Im Notfall könnte der Stützpunkt schnell einen Pflegedienst vermitteln. Das gibt älteren Bürgern ein Gefühl von Sicherheit. Anders als etwa beim „Service-Wohnen“ sollen diese Dienstleistungen für den Nutzer erst bei Inanspruchnahme kostenpflichtig werden. Auch Angebote zur Prävention von Krankheit und Einsamkeit und die Etablierung einer Nachbarschaftshilfe fallen in den Aufgabenbereich eines Stützpunkts.

Diese Schnittstelle vor Ort ist zentral für das ganze Konzept. Die anspruchsvolle Aufgabe besteht darin, professionelle, ehrenamtliche und private Akteure zusammenzubringen und damit eine neue Kultur zu etablieren. In unterschiedlichen Regionen und Pilotprojekten wurde dafür ein „persönlicherer“ Begriff als „Stützpunkt“ gefunden: „Kümmerer“, „Quartiersmanager“ oder „Gemeindeschwester“. Die Aufgabe erfordert in jedem Fall eine spezialisierte Fachkraft, in der Regel einen Sozialpädagogen, mit interdisziplinären Kompetenzen.

Chancen

Eine funktionierende Gemeinschaft im lokalen Umfeld, die generationsübergreifend niemanden allein lässt – weder bei der Freizeitgestaltung, noch bei akuten Problemen–, ist in gewisser Weise eine Idealvorstellung unserer Gesellschaft. Sie verbindet basisdemokratische Elemente mit Grundwerten wie Nächstenliebe und Gemeinschaftlichkeit. Insofern sind die Chancen von Quartierskonzepten sehr hoch und funktionierende Quartiere haben das Potential, die höchste Lebensqualität zu bieten. Die ursprüngliche Idee war es, eine „soziale Stadt“ zu schaffen.

Praktisch gesehen, spricht für ein Quartierskonzept dessen Flexibilität. Anders als bei manchen anderen großen Reformen werden keine parallelen Angebote geschaffen, sondern es wird versucht, die bestehenden Angebote zu bündeln, zu organisieren und bedarfsgerecht zu verteilen. Mit Quartierskonzepten kann es gelingen, notwendige Strukturen zu etablieren, die in jedem Ort vorhanden sein müssen.

Probleme

Überlegungen und Reformanstrengungen sind notwendig. Die bestehenden Probleme im Sozialsystem können wohl nur durch eine strukturelle Reform gelöst werden. Trotzdem konnten sich die Konzepte in den letzten Jahrzehnten nicht flächendeckend durchsetzen. Einige der Probleme werden im Folgenden skizziert:

Verhältnis Staat-Privatwirtschaft

Widerspricht die Quartiersidee nicht teilweise unserem System eines Pflege-Marktes? Man hat das Gefühl, dass eine gewisse Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ darin mitschwingt, was nicht zuletzt in Bezeichnungen wie „Kümmerer“ oder „Gemeindeschwestern“ zum Ausdruck kommt. Nur haben sich seitdem die Pflegelandschaft, aber auch die Ansprüche der Pflegebetroffenen tiefgreifend geändert. Versorgung war früher in viel größerem Maße staatlich organisiert und man hatte viel weniger Mitwirkungsmöglichkeiten. In gewisser Weise kann es eine Einschränkung der Wahlmöglichkeiten darstellen.

Das Gelingen eines Quartiers hängt auch entscheidend davon ab, ob professionelle Pflegedienstleister „mitziehen“. Die koordinierende Person wird von der Kommune eingesetzt und bringt damit ein staatliches Element zurück in die Pflegelandschaft. Auf dem derzeitigen Pflegemarkt kann der Bedarf in vielen Regionen durch die ambulanten Dienste gar nicht mehr gedeckt werden. Das heißt, dass sie auch so an genügend Kunden kommen. Umgekehrt kann auch ein Quartiersmanager nicht auf Versorgung bestehen, wenn keine Kapazitäten zur Verfügung stehen. Ist die Situation umgekehrt – bei einem Überschuss an Pflegeangeboten –, muss die Frage geklärt sein, welcher Pflegedienst den „Zuschlag“ bei einer Vermittlung durch den Quartiersmanager bekommt. Was ist in dieser Situation mit kommunalen Pflegeanbietern? Auch das Bielefelder Modell, in dem ein ambulanter Dienst fester Bestandteil ist, war nicht überall erfolgreich und konnte bislang nicht flächendeckend ausgeweitet werden. Der finanzielle Aufwand einer 24-Stunden-Präsenz hat sich für einige Pflegedienste nicht gerechnet.

Wenn Quartierskonzepte aber mehr als Pilotprojekte sein sollen, müssen sie mit dem Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung in Einklang gebracht werden. Die Kommunen können eine solche Anlauf- und Koordinierungsstelle schaffen, wenn sie diese denn bezahlen können, aber man kann es nach derzeitigem Recht nicht von ihnen verlangen.

Hohe Ansprüche an alle Beteiligten

Quartiersmanager/Quartiersstützpunkt: Hier laufen alle Fäden zusammen, sodass hohe Anforderungen an Koordinations- und Organisationsfähigkeit bestehen. Darüber hinaus gilt, es alle Menschen im Umfeld – nicht nur die Hilfebedürftigen – zu aktivieren und zur Teilhabe zu bewegen. Gerade bei der Etablierung muss dafür viel Überzeugungs- und Motivationsarbeit geleistet werden.

Der Wille und die Bereitschaft der Teilnehmer spielen eine große Rolle für einen Erfolg dieses Konzepts. Quartierskonzepte setzen auf freiwillige nachbarschaftliche Hilfen und sind somit in hohem Maße abhängig von Freiwilligen. Die Kunst ist, dieses Prinzip zu wahren, die Menschen zu aktivieren und dennoch verbindlich zu sein.