Montag, 19. Januar 2015

Pflegenoten: Im Einzelfall doch aussagekräftig

Unser Mitglied Cindy Krause hat für uns ihren Fall zusammengefasst, den wir in unserem Beratungsdienst seit Wochen begleiten. Frau Krause ist die Betreuerin eines Demenzkranken, der in einem ProCurand Seniorenwohnpark in Zossen untergebracht ist. Dieser Fall wurde auch im RBB geschildert.

 „Seit dem 15.9.2014 lebt Herr B. in einem Pflegeheim nahe Berlin.

Leider konnte ich auf Grund seiner Demenzerkrankung keineswegs längerfristig eine Versorgung in der Häuslichkeit gewährleisten und entschied mich mit bestem Gewissen für diese Einrichtung.

Schon nach kurzer Zeit in diesem Heim stellte ich allerdings Mängel fest.

Angefangen hatte es damit, dass Herr B. bei jedem Besuch großen Hunger äußerte, obwohl die letzte vermeintliche Mahlzeit jeweils nur kurze Zeit zurücklag. Da er jedoch verhältnismäßig große Mengen von dem von mir mitgebrachten Essen verschlang, kam mir schnell der Gedanke, dass hier einiges nicht stimmen konnte.

So begann es eigentlich, dass ich anfing genauer hinzusehen. Zu den verschiedensten Uhrzeiten kam ich und blieb regelmäßig über viele Stunden, um einfach den Ablauf und die Versorgung der Bewohner genauer zu beobachten.

Die Portionen der Bewohner waren sehr dürftig, die Teller der Bewohner waren, wenn es einigermaßen genießbar war, leer gegessen – aber Nachschlag wurde NIE angeboten. […]

Herr B. hatte in den ersten zwei Monaten einen Gewichtsverlust von 6 kg und sein Zustand hat sich rapide verschlechtert. Reagiert wurde von Seiten des Heimes natürlich nicht.

Des Weiteren gab es weitere erhebliche Mängel:

  • Mangelnde Körperhygiene (Mund/Zahnpflege).
  • Personalmangel und Leasingkräfte, die nur einen Dienst da sind.
  • Betreuungsleistungen nach §87b wurden im Monat September/Oktober gar nicht erbracht, jedoch voll abgerechnet.
  • Regelmäßige Einschüchterungen und allgemein ein sehr schlechtes Klima.
  • […]

Alles in allem gibt es immer was Neues, wenn man kommt.

Nachdem ich mich immer wieder beschwert habe und mir von der ansässigen Pflegedienstleitung ein Hausverbot angedroht wurde, vereinbarte ich selbst in Berlin in der Hauptgeschäftsstelle einen Termin mit dem Beschwerdemanagement. Trotz Aufnahme meiner Beschwerde passierte wieder nichts. Ich bekam nie eine Antwort.

Anfang Dezember kam dann ein Brief per Einschreiben mit der Kündigung seitens des Heimes. Ich rief sofort die Heimaufsicht an und bekam dann am selben Tag von der Geschäftsstelle vorab per Email ein neues Schreiben, dass dies ja natürlich nur ein Versehen war und auf Grund von mangelnder Kommunikation innerhalb der Fachabteilungen passiert sei. Unglaublich, denn das erste Schreiben ist von der Geschäftsführung sowie der Rechtsabteilung persönlich unterschrieben worden.

Insbesondere die Überwachung/Gabe der angeordneten Medikamente ist eine Katastrophe: Tabletten werden einem Demenzkranken bei bestimmtem Personal nur an den Platz gestellt, ohne sicherzustellen, ob diese auch genommen werden. Blutzucker wird nicht regelmäßig gemessen, Insulin nicht regelmäßig verabreicht.

Schließlich habe ich Strafanzeige gegen die Einrichtung gestellt, als über den Notarzt im Heim festgestellt wurde, dass Herrn B. im Dezember abgelaufenes Insulin (mit dem Ablaufdatum 03/2014) gespritzt wurde.

Daraufhin kam am 17.12.2014 die Heimaufsicht zum 2. Mal unangemeldet ins Heim, am 18.12.2014 kam der MDK unangemeldet und am 19.12.2014 wurde die Pflegedienstleitung (PDL) entlassen.“

 

Vor diesem Hintergrund haben wir uns die betreffende Einrichtung in den Transparenzberichten genauer angeschaut. Wie in den meisten Fällen, klingt auch hier die Gesamtnote von 2,0 recht positiv, auch wenn dies bereits ein unterdurchschnittlicher Wert ist. Interessanter wird der Blick auf die einzelnen Bereiche. Das Heim hat durchschnittlich schlechte Noten im Bereich der Medikamentenvergabe (3,5), der ärztlichen Versorgung (2,96), der Schmerzbehandlung (2,2) und im Umgang mit Bewohnern mit Demenz (2,2) erhalten.

Um diese aussagekräftigen Vergleichswerte zu erhalten, haben wir jeweils mehrere, thematisch zusammenhängende Fragen zusammengefasst. Die Schulnoten als solche klingen zunächst nicht besonders kritisch. In Relation zu den Noten anderer Heime lesen sie sich allerdings ganz anders: Demnach gehört die Einrichtung zu den schlechtesten 1 % im Hinblick auf „Medikamente“ und „Schmerz“, zu den schlechtesten 4 % bei „ärztlicher Versorgung“ und den schlechtesten 7 % bei „Demenz“. (Anmerkung: Stand der Zahlen ist Januar 2015).

Die Noten der Transparenzberichte sind insgesamt zu hoch und werden zu Recht stark kritisiert. Dennoch beinhalten Sie für den Einzelfall brauchbare Informationen. Dass es in dieser Einrichtung Probleme in der Verabreichung von Medikamenten gibt, hätte man  schon vorher sehen können. Allerdings werden diese Informationen in den Transparenzberichten eben nicht transparent aufbereitet.

Solange das Prüfsystem nicht reformiert worden ist, sind diese Daten die einzigen, die vorliegen. Daher empfehlen wir, die Pflegenoten genau zu lesen – und zwar nicht nur die Gesamtnote – und sich bei Unsicherheiten an die BIVA zu wenden.