Donnerstag, 11. Juli 2019

Leiharbeit in der Altenpflege

Zeitarbeit hat meist keinen guten Ruf. Als Zeitarbeitnehmer arbeiten Menschen, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Stelle finden. Sie verdienen weniger und haben oft schlechtere Arbeitsbedingungen als ihre fest angestellten Kollegen. Wer über eine Zeitarbeitsfirma eingestellt wurde, versucht in der Regel so schnell wie möglich in eine reguläre Anstellung zu wechseln.

Ganz anders ist die Situation im Pflegebereich: Leiharbeit, wie die Zeitarbeit dort üblicherweise genannt wird, bietet diesen Arbeitnehmern einige Vorteile und wird zunehmend beliebt. Hintergrund ist der sogenannte Pflegemangel, genauer: der Mangel an Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt. Personalmangel in den Einrichtungen kann zu Auflagen durch die Aufsichtsbehörden führen, etwa zu einem Aufnahmestopp. Um diesem zu entgehen, sind die Betreiber eher bereit, den Leiharbeitskräften bessere Konditionen zu bieten, wenn sie keine anderen Fachkräfte finden.

Leiharbeit in der Altenpflege liegt somit im Trend – von 2014 bis 2018 gab es einen Zuwachs von 50 Prozent. Von einem Boom zu sprechen, wie es in der letzten Zeit häufiger zu lesen war, erscheint allerdings doch etwas übertrieben. In absoluten Zahlen liest sich der Zuwachs nämlich weniger dramatisch: 2014 gab es 8.000 Leiharbeitnehmer in der Altenpflege, im Jahr 2018 waren es 12.000. Zum Vergleich:

 2018 waren insgesamt 600.000 Pflegekräfte in der Altenpflege tätig – Leiharbeitnehmer machten demnach nur 2 Prozent davon aus (Quelle: Arbeitsagentur).

Was sind die Vorteile von Leiharbeit in der Altenpflege?

Für Pflegekräfte ist Leiharbeit attraktiv. Sie werden meist auf Honorarbasis zu vereinbarten Stundenlöhnen eingestellt, die in der Regel höher sind, als die des Stammpersonals. Neben dem Geld sind die Arbeitsbedingungen oftmals viel besser als in einem festen Arbeitsverhältnis im Pflegeheim. Die Pflegekräfte bestimmen selbst, an welchen Tagen sie eingesetzt werden und auch in welcher Schicht oder haben zumindest mehr Mitsprache dabei. Es passiert ihnen in der Regel nicht, dass sie wegen Krankheit oder eines personellen Engpasses an einem freien Tag zur Arbeit gerufen werden. Zudem hat dieses besondere Arbeitsverhältnis auch psychologische Auswirkungen: Manche Leiharbeitnehmer können sich besser emotional distanzieren, wenn sie nicht so eng ins Team eingebunden werden und weniger Verantwortung tragen. Viele Pflegekräfte gehen dagegen über ihre Belastungsgrenzen hinaus, um Bewohner oder Kollegen „nicht hängenzulassen“. Zuletzt hat ein Report der Techniker Krankenkasse das Ausmaß von Krankheit und psychischer Belastung im Pflegeberuf deutlich gemacht. Es spiegelt sich beispielsweise im Anstieg der Verschreibungen von blutdrucksenkenden Mitteln und Antidepressiva für Pflegekräfte.

Für den Arbeitgeber bringen Leiharbeitnehmer eine gewisse Flexibilität angesichts ständig wechselnder Belegung und damit auch ständig angepassten Personalschlüsseln. Vor allem aber werden sie als notwendiges Übel wahrgenommen, um in einem leergefegten Arbeitsmarkt zu erforderlichem Personal zu kommen.

Worin liegen die Nachteile von Leiharbeit in der Altenpflege?

Auf das gesamte Team gesehen, gibt es auch für die Pflegekräfte negative Auswirkungen der Leiharbeit. Die Ungleichbehandlung zwischen Stammkräften und Leiharbeitskräften kann zu Verwerfungen innerhalb der Belegschaft führen: Die Stammbelegschaft muss sich stets an Dienstpläne und Vertretungen zu jedem Zeitpunkt halten und verdient häufig weniger. Die Leiharbeiter haben es dafür entsprechend schwerer, ins Team integriert zu werden.

Neben dem erhöhten Aufwand an Personalmanagement, der mit dieser Ungleichbehandlung der Mitarbeiter einhergeht, sind für die Pflegeeinrichtungen die Kosten der Leiharbeit sicher das größte Problem. In Folge einer aktuellen Gerichtsentscheidung könnte Leiharbeit für Arbeitgeber aber zukünftig interessanter werden. Denn Pflegeheime zahlen für Leiharbeitnehmer keine Beiträge für die Sozialversicherungen (Arbeitslosen-, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung), da sie bei der Zeitarbeitsfirma angestellt sind, was die Mehrkosten relativiert.

Bei einem anderen Arbeitsmodell – den Honorarkräften in Pflegeheimen – ist genau dies jetzt nicht mehr möglich: Die Pflegeheime haben diesen Kräften ebenfalls oftmals zwar den höheren Stundenlohn, aber keine Beiträge für die Versicherungen gezahlt. Begründet wurde dies damit, dass die Honorarkräfte wie freie Mitarbeiter zu behandeln seien. Dieser Kuhhandel – höherer Lohn und dafür Entlastung des Arbeitgebers bei den Sozialversicherungen – sei nicht rechtens, entschied dagegen kürzlich das Bundessozialgericht (Urteil vom 7.6.2019, Az. B 12 R 6/18 R).

Der Einsatz von Honorarkräften ist für die Pflegeheime ein Mittel, flexibel auf ständig wechselnde Personalschlüssel zu reagieren, die immer der aktuellen Belegung und den aktuellen Pflegegraden angepasst werden. Werden Honorarkräfte nun teurer, könnten Leiharbeitnehmer diese Lücke schließen.

Was bedeutet Leiharbeit für die Bewohner?

In der ganzen Debatte wird – wie leider meistens – selten nach den Auswirkungen auf die Pflegeheimbewohner gefragt. Sicherlich profitieren diese davon, wenn mehr Personal vor Ort ist – egal unter welchen Bedingungen dies eingestellt wurde.

Ein hoher Anteil an Leiharbeitskräften kann aber vor allem negative Auswirkungen auf Pflegeheimbewohner haben. Verschlechtert sich wie oben beschrieben das Arbeitsklima, geht dies nicht spurlos an den Menschen vorüber, die dort 24 Stunden am Tag ihr Leben verbringen.

Dass Leiharbeitskräfte sich die Zeiten aussuchen, in denen sie eingesetzt werden wollen, hat oftmals zur Folge, dass das Stammpersonal mit entsprechend weniger Pflegenden vermehrt zu Zeiten eingesetzt wird, die dem Privatleben abträglich sind. An Wochenenden und Feiertagen verschärft sich somit der Personalmangel und die Belastung für das Stammpersonal steigt, worunter notwendig die Versorgungsqualität leidet.

Ein entscheidender Baustein für eine gute Versorgung ist Kontinuität in der Pflege und Betreuung. Diese sorgt für mehr Lebensqualität der Bewohner und ist für Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz – insbesondere demenziell veränderte Menschen – nahezu unabdingbar. Sie bringt auch für die Pflegenden und die Betreuenden Vorteile, da sie die einzelnen Bewohner besser kennenlernen, dadurch besser auf deren Bedürfnisse eingehen können und sich deren Zufriedenheit auch positiv auf die Mitarbeiter auswirkt. Viele Leiharbeiter bedeuten aber im Gegenteil viel Fluktuation, worunter die Kontinuität der Versorgung leidet.

Problematisch ist auch der Datenschutz. Gerade in Pflegeheimen wird notwendigerweise mit vielen sehr sensiblen Daten der Bewohnerinnen und Bewohner gearbeitet. Zwar werden die Betreiber sämtliche Mitarbeiter diesbezüglich zur Verschwiegenheit verpflichten, aber eine hohe Fluktuation und die Beschäftigung „fremder“ Menschen bergen erheblich mehr Sicherheitslücken als die dauerhafte Beschäftigung desselben Personals.

Zudem sind die höheren Kosten der Leiharbeit letztlich von den Bewohnern aufzubringen. Da die Pflegeversicherung lediglich einen fixen Betrag zu den Pflegekosten zuschießt, wird jede Erhöhung (der Personalkosten) direkt auf die Bewohner umgelegt. Dies ist allerdings ein generelles Problem, das nicht nur die Leiharbeit betrifft. Unstrittig ist, dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessert und die Pflegekräfte angemessen bezahlt werden müssen – die Frage ist nur, ob die Pflegebedürftigen dies allein bezahlen sollen, da sie sich bereits an der Grenze der finanziellen Belastbarkeit befinden. Über eine Umkehr des finanziellen Risikos von den Versicherten auf die Versicherung wird aktuell politisch unter dem Stichwort „Sockel-Spitze-Tausch“ diskutiert – der BIVA-Pflegeschutzbund fordert hier schon lange eine Reform der Pflegeversicherung.

Wie steht die Politik zu dem Thema?

Die „Konzertierte Aktion Pflege“ der Bundesregierung hat Anfang Juni 2019 erste Ergebnisse vorgestellt (s.u.). Neben der Verbesserung von Ausbildung und Arbeitsbedingungen oder der Digitalisierung ging es dabei auch um das Thema „Leiharbeit in der Pflege“. Die Arbeitsgruppe 2 hat im Abschlussbericht festgehalten, dass Leiharbeit zwar für Notsituationen hilfreich sei, aktuell aber zu viel Personal auf dieser Basis arbeite. Die „Konzertierte Aktion Pflege“ will laut Abschlussbericht prüfen, mit welchen Maßnahmen eine bessere Mitarbeiterbindung zu erreichen ist, um so die Zahl an Zeitarbeitskräften zu reduzieren.

Auch auf Landesebene denkt man über Leiharbeit nach und ist teilweise schon einen Schritt weiter. So wurde in Hamburg zum einen festgelegt, dass Leiharbeitnehmer „nur zeitlich begrenzt in Ausnahmesituationen eingesetzt werden“ dürfen (Hamburgische Wohn- und Personalverordnung, § 9). Zum anderen sollen Betreiber einen Springerpool von mehreren Vertretungskräften aufbauen bzw. nutzen („eine feste Gruppe von geeigneten Vertretungskräften“, ebd.). Ein Springerpool trägt auch dazu bei, bei den Mitarbeitern die Planungssicherheit von Arbeits- und Freizeit zu erhöhen, was wiederum zur Reduzierung von Überstunden und Rückrufen aus dem „Frei“ führen kann. Psychische und physische Belastungen der Mitarbeiter werden so vermindert und deren Motivation erhöht.

Aus Bewohnersicht ist letztlich entscheidend, wie gut die Leistung ist, die „am Pflegebett“ ankommt. Ungerechtigkeiten im Team durch große Unterschiede in den Arbeitsbedingungen müssen genauso vermieden werden, wie eine zu hohe Fluktuation in Pflege und Betreuung. Zu jeder Zeit muss sichergestellt sein, dass es, gerade für demenziell veränderte Menschen, eine Vertrauensfachkraft bzw. Bezugsperson gibt. Springerpools können dazu ein Mittel sein, vor allem bedarf es aber auch übergreifender Maßnahmen, den Fachkräftemangel zu beheben.

Abbildung:
Audrey_Popov / shutterstock.com