Donnerstag, 30. April 2015

Landgericht Bonn: Bewährungsstrafe für Totschlag aus Fürsorge

Selbst die geplante Tötung eines anderen Menschen kann in bestimmten individuellen Fallkonstellationen eine Strafe auf Bewährung rechtfertigen. Zu dieser Auffassung gelangte das Schwurgericht am Landgericht Bonn mit Urteil vom 20.04.2015.

In dem vorliegenden Fall versuchte ein 85-Jähriger aus Verzweiflung über Pflegebedürftigkeit, sich und seine Frau umzubringen. Der Mann fürchtete, durch zunehmende eigene gesundheitliche Einschränkungen nicht mehr zur Pflege seiner 81-jährigen Frau in der Lage zu sein. Genau dies hatte er ihr aber immer versprochen. Also fuhr er in einem Moment, in dem er sich sicher sein konnte, niemand sonst zu gefährden, mit seinem Auto mit 75 km/h gegen einen Baum. Entgegen seiner Absicht starb er dabei nicht, seine Frau, die mit im Auto gesessen hatte, erlag jedoch nach wenigen Tagen ihren Verletzungen.

Die Staatsanwaltschaft war zu Prozessbeginn von einem heimtückisch begangenen Mord ausgegangen. Bereits am zweiten Verhandlungstag rückte die Anklage von dieser Auffassung ab und ging nur noch von Totschlag in einem minderschweren Fall aus. Staatsanwaltschaft wie auch Gericht werteten die Schuld des Angeklagten niedriger, weil das Paar eine das übliche Maß übersteigende Liebe und Zuneigung zueinander gezeigt habe und keine feindliche Willensrichtung vorlag. Die beiden waren über 60 Jahre lang verheiratet gewesen. Die Frau hatte immer wieder geäußert, ihr Mann möge sie nicht allein lassen. Schließlich habe sich der Angeklagte mit seiner Tat bereits selbst bestraft. Es ist nämlich genau das eingetreten, was der Mann immer verhindern wollte: dass einer von beiden allein ist.

Das Landgericht Bonn verurteilte den Rentner nun zu 2 Jahren Haft auf Bewährung wegen Totschlags. Das Gericht betonte in der Urteilsbegründung, dass dieser Fall sehr ungewöhnlich und individuell sei. Wegen der besonderen und belastenden Voraussetzungen sah der Richter daher auch von einer Bewährungsauflage ab. Angeklagter und Staatsanwaltschaft verzichteten noch im Termin auf einzulegende Rechtsmittel.