Donnerstag, 03. September 2015

Interview: Rechtliche Betreuung aus Sicht des Anbieters

Die Frage der rechtlichen Betreuung in stationären Einrichtungen kann viel Konfliktpotential bieten, wenn beispielsweise die Eignung eines Angehörigen in Frage gestellt wird. Aus Sicht des Betreuers kann dies als massiver Eingriff in ihre familiären Strukturen oder sogar als Reaktion der Einrichtung auf gerechtfertigte Beanstandungen erscheinen. Die Perspektive der Anbieter und Pflegekräfte auf das Problem bewertet kritische Konstellationen sicherlich anders.

Zu dieser Sichtweise haben wir Wolfgang Dyck befragt. Er ist Theologe und leitet einen Altenheimverbund in Köln und Frechen.

BIVA: Herr Dyck, gegenüber einem Gericht Bedenken zu äußern, dass ein Angehöriger zum Betreuer geeignet ist, bedeutet für die Familie einen großen Einschnitt und hat weitreichende Konsequenzen. In welchen Fällen ist solch ein Eingriff notwendig?

Wolfgang Dyck: Es gibt da zwei Fälle, die ich gerne direkt aus der Praxis nennen möchte. Zunächst den eher selteneren Fall: Der Betreuer unterschlägt Geld des Betreuten, da müssen wir handeln! In einem mir bekannten Fall hat ein Betreuer seinem Freund, für den er als Betreuer bestellt war, zehntausende Euro unterschlagen, so dass am Ende auch kein Geld zur Begleichung mehr für die Heimrechnung da war… Viel Unterstützung seitens der Justiz haben wir da nicht bekommen, dies war auch, nebenbei gesagt, eine sehr irritierende Erfahrung.

Der andere, häufiger vorkommende Fall ist folgender: Der Betreuer kümmert sich nicht, reagiert nicht auf unsere Anrufe, kümmert sich in keiner Weise um den Bewohner oder nur sehr unzureichend, etwa, wenn es darum geht, Unterlagen für das Sozialamt einzureichen usw. Hier unsererseits nicht zu handeln, würde auf längere Sicht dem Bewohner schaden.

BIVA: Wie muss ich mir eine solche „Überprüfung der Betreuereignung“ konkret vorstellen? Entscheidet die Einrichtung einfach, dass jemand nicht mehr geeignet ist?

Wolfgang Dyck: Die tägliche Praxis spielt uns diese Fälle zu: im Heimalltag erlebt man sehr schnell, wo eine Betreuung funktioniert und wo nicht. Man wird sich aber immer, denke ich, in den Häusern interdisziplinär im Rahmen etwa einer Fallbesprechung abstimmen, und keinen Schnellschuss starten, weil es sich ja schon um eine gravierende Entscheidung handelt.

BIVA: Eine solch weitreichende Entscheidung wird sicherlich nicht leichtfertig getroffen. Wo liegen die (ethischen) Probleme und Unwägbarkeiten aus Ihrer Sicht?

Wolfgang Dyck: Die Fälle, in denen wir uns entscheiden, die Überprüfung der Betreuereignung beim Betreuungsgericht anzuregen, sind eher selten, etwa durchschnittlich 2 bis 3 Mal im Jahr. Aber in den Fällen, wo wir uns veranlasst sahen, zu handeln, wäre es eher ethisch schlecht gewesen, hätten wir nicht gehandelt. Aus unserer Sicht war unsere Handeln im Interesse des Bewohners. Ich würde dies in allen vergangenen Fällen stets wieder machen.

BIVA: Manch ein Angehöriger ist für den täglichen Ablauf in einer Pflegeeinrichtung „unbequem“ und hält den Betrieb auf, wenn er zum Beispiel alles hinterfragt und kleinschrittige Erklärungen fordert. Ist es angesichts des Zeitdrucks im Pflege-Alltag nicht denkbar, dass manche Einrichtungen auf einen Berufsbetreuer hinsteuern, um mit einem Profi effektiver arbeiten zu können?

Wolfgang Dyck: Angehörigenbeziehungen sind für uns immer dann schwierig, wenn bestehende Familienkonflikte in die Einrichtung getragen werden und wir damit unfreiwillig zum „Mitspieler“ im Familiendrama werden. Das kann im Einzelfall für alle Betroffenen sehr belastend sein. Ich würde aber immer einen überfürsorglichen, vielleicht häufig Vorwürfe machenden Angehörigen einem vorziehen, der nichts macht bzw. sich nur unzureichend kümmert. Es kann nicht die Option sein, nur weil ein Konflikt zwischen uns und dem Angehörigen besteht, anzuregen, einen Berufsbetreuer einzuschalten. Dann würde ich im Zweifel lieber den Angehörigen fragen, ob, wenn er permanent unzufrieden ist, wir noch das richtige Heim sind.