Mittwoch, 12. Juli 2017

Interview: Qualitätsentwicklung in Pflege-WGs

Pflege-WGs können eine gute Alternative zum Pflegeheim sein. Dazu ist es aber unbedingt notwendig, sich mit dem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen. Worauf man achten und was man im Vorhinein bedenken sollte, ist unter anderem Gegenstand eines Interviews mit Karin Rückemann vom Pflegestützpunkt Berlin-Neukölln, deren Arbeitsschwerpunkte u.a. in der Qualitätsentwicklung und Selbstbestimmung in Pflege-Wohngemeinschaften liegen. Die Diplom-Sozialarbeiterin spricht auch über Mitwirkung, die Rolle der Angehörigen und darüber, was sich an der Gesetzeslage ändern müsste.

BIVA: Beim Thema Wohngemeinschaften denkt man gemeinhin an Studenten, doch auch pflegebedürftige Menschen entscheiden sich immer häufiger für diese Wohnform. Woran, denken Sie, liegt das? Was sind die Vorteile einer „Pflege-WG“?

Rückemann: Eine Pflege-Wohngemeinschaft kann durch ihre kleine Versorgungsstruktur und dem hohen Maß an möglicher Selbstbestimmung eine ausgezeichnete Alternative zu einem Heim darstellen. Die Idee eher familienähnlichen Zusammenwohnens wurde schnell angenommen und kann vor allem für Menschen mit Demenz, die eine Präsenzperson rund um die Uhr benötigen eine Chance sein, einerseits vorhandene Ressourcen mit in den Alltag einzubringen und gleichzeitig durch die Struktur Geborgenheit zu finden.

Aber auch von Menschen ohne Demenz wird das Angebot angenommen. In Berlin gibt es inzwischen mehr als 600 ambulant betreute Wohngemeinschaften, in denen Pflegebedürftige in Gruppen von 3 bis 12 Personen zusammenleben.

BIVA: Für welche Menschen ist eine Wohngemeinschaft geeignet. Was müssen diese Personen „mitbringen“?

Rückemann: Hier möchte ich noch einmal auf die Menschen mit Demenz eingehen. Es zeigt sich gerade bei abbauenden mentalen Fähigkeiten, wie wichtig ein Leben in der Gemeinschaft sein kann. Auch wenn verbale Kommunikationsfähigkeiten nachlassen wird es von vielen Menschen als angenehm empfunden, sich in einem überschaubaren, vertrauten Kreis aufzuhalten zu können. Daher ist für diesen Personenkreis eine Wohngemeinschaft in den meisten Fällen eine geeignete Versorgungsform.

Insgesamt ist es sicherlich wichtig eine gewisse Gruppenfähigkeit mitzubringen, und sich auf gemeinschaftliche Aktivitäten einzulassen zu können, z.B. gemeinsam zu kochen und zu essen.  Dabei muss es natürlich aber auch möglich sein und akzeptiert werden, wenn ein Bedürfnis nach Rückzug besteht. Daher ist es wichtig zu schauen, was die gemeinschaftliche Wohnung an Rückzugs-möglichkeiten hergibt.

Auch für Menschen ohne Demenz kann eine Wohngemeinschaft eine gute Wahl sein. Meist sind es Personen mit fortgeschrittenem Pflegebedarf, die diesen Rahmen für sich wählen.

Darüber hinaus ist es selbstverständlich auch möglich, dass sich Menschen mit nur geringem Pflege- und Unterstützungsbedarf wie bei dem Modell einer Studenten-Wohngemeinschaft zusammenfinden und nur punktuell eine Unterstützung beauftragen. Das ist aber eher selten.

BIVA: Auf dem Papier ist die Mitwirkung geregelt. Wie sieht es in der Realität aus, gerade wenn Menschen stark hilfebedürftig sind? Wie können diese gefördert werden?

Rückemann: Bei der Umsetzung zeigen sich in der Realität viele Hürden. Die im Berliner Gesetz vorgesehene Mitwirkung bedarf bei stark pflegebedürftigen Menschen aktiver Interessenvertreter, die regelmäßig am Alltag der Wohngemeinschaft teilnehmen und mitwirken können.  Menschen in einer selbstbestimmten Pflege-Wohngemeinschaft leben in ihrem privaten Wohnraum, der ambulante Pflegedienst ist dort nur Gast. Das Ursprungsmodell sieht vor, dass sich aktive Angehörige oder weitere Interessenvertreter mit dem Pflegedienst die Verantwortung für eine gute Versorgungsqualität teilen, und zwar als gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe. Dazu ist es notwendig, dass die Gruppe sich als Gremium findet und organisiert. Und genau hier liegt ein Grundproblem. Wenn Angehörige beispielsweise von den Abläufen des Umzugs in die WG erschöpft sind oder Menschen von einem Berufsbetreuer vertreten werden, der nicht so nahe und intensiv am Alltag mitwirken kann, wird es schwierig. In Berlin zeigt sich zudem, dass viele Angehörige über ihre Rechte und Pflichten und die darin vorgesehene Mitwirkung nicht ausreichend informiert sind und es dadurch bereits zu vielen  Missverständnissen kommen kann. Darüber hinaus halte ich es für notwendig, Angehörigen bei Bedarf externe Unterstützung zum Aufbau eines Gremiums zukommen zu lassen.  Nicht jeder ist geübt darin, sich in einer Gruppe gemeinschaftlich zu organisieren. 

Auch für die professionelle Pflege kann die Versorgung in einer selbstbestimmten Wohngemeinschaft eine Herausforderung darstellen. Etwa wenn individuelle Wünsche nicht identisch mit pflegerischen Herangehensweisen sind und Pflegeabläufe dadurch verändert werden. So will ein WG-Bewohner vielleicht später aufstehen oder möchte zu anderen Zeiten essen als die Gruppe. Das Maß der Verantwortungsübernahme ist für Pflegekräfte nicht immer leicht auszupendeln. Hier trifft private Eigenverantwortung auf professionellen Durchführungswillen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, mit den Pflegekräften an diesen Herausforderungen zu arbeiten und sie zu unterstützen.

BIVA: Welche Rolle spielen Angehörige beim Gelingen eines solchen Wohnkonzepts?

Rückemann: Wenn Angehörige als Interessenvertreter agieren, kommt ihnen in einer selbstbestimmten Wohngemeinschaft eine hervorgehobene Rolle zu. Sie vertreten einerseits die Interessen ihres Angehörigen und andererseits als Teil des Gremiums gleichzeitig die Interessen der gesamten Gruppe.

 Anders als im Heim gibt es in den privaten Räumen einer selbstbestimmten Wohngemeinschaft nur wenige staatliche Vorgaben. Das Modell geht davon aus, dass sich Angehörige gemeinsam mit dem Pflegedienst die Verantwortung für eine vernünftige Versorgungsqualität teilen. 

BIVA: Welchen Anteil haben die ambulanten Dienste am Gelingen?

Rückemann: Ambulante Dienste sind unabdingbar erforderlich, damit das Modell überhaupt realisierbar ist. Auch auf diesen Punkt bin ich oben schon einmal eingegangen. Ein guter Dienst, der das Modell der selbstbestimmten Wohnform mittragen und vielleicht auch weiterentwickeln möchte, muss eine offene Haltung mitbringen und auch sein Personal entsprechend vorbereiten und spezifisch begleiten, etwa durch Fortbildungen oder Fallbesprechungen. Ganz wichtig ist dabei, das Spannungsfeld zwischen Angehörigen und professioneller Pflege im Auge zu haben, seitens des Pflegedienstes die Angehörigen als Partner zu begreifen und ein funktionierendes Beschwerdemanagement zu etablieren.

BIVA: Einige Landesheimgesetze unterscheiden zwischen anbieterverantworteten und selbstverantworteten WGs (z.B. NRW), andere nicht (z.B. Bayern). Macht es Sinn derartige Feinheiten im Gesetz zu justieren? Wie wichtig ist der besondere gesetzliche Schutz für Menschen in betreuten Wohnformen?

Rückemann: Die große Anzahl an Pflege-Wohngemeinschaften hat sich in Berlin schnell entwickelt und etabliert. Ganz überwiegend werden diese von den Anbietern initiiert. Das Berliner Wohnteilhabegesetz kennt jedoch zur Zeit ausschließlich selbstbestimmte Pflege-Wohngemeinschaften. Es zeigt sich deutlich, dass dies nicht ausreicht und der Gesetzgeber die reale Entwicklung berücksichtigen und die Regelungen entsprechend anpassen muss.

Eine Unterscheidung zwischen beiden Modellen (anbieterverantwortet/selbstverantwortet) halte ich unbedingt für sinnvoll. Die Praxis zeigt, dass Angehörige nicht immer die vorgesehene Verantwortungsteilung übernehmen können und die Interessen der schutzbedürftigen Menschen durchsetzen können. Funktioniert das Modell an dieser Stelle nicht, muss die behördliche Aufsicht den Mindestrahmen für eine gute Versorgungsqualität für die dort lebenden Menschen festlegen und überprüfen können. Das betrifft zum Beispiel Fragen wie die notwendige Personalausstattung.

BIVA: Wie gelingt die Balance zwischen dem größtmöglichen Schutz der Menschen in der WG und der größtmöglichen Freiheit?

Rückemann: Ich finde es sehr positiv, dass sich neue Versorgungsformen für Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf entwickeln. Grundsätzlich wird die Versorgung innerhalb kleiner Strukturen, die sich näher am normalen Alltag orientieren, von vielen Menschen sehr gut angenommen.

 Wichtig ist hierbei zunächst eine ausreichende anbieterunabhängige Information der Betroffenen und Angehörigen über das Modell mit  den vorgesehenen Rechten und Pflichten und zwar bereits vor dem Einzug in eine WG. Dazu sind dann auch transparente Strukturen des Pflegeanbieters und ausreichende Fortbildungs- und Begleitungsangebote für die dort arbeitenden Pflegekräfte förderlich.

Für ein funktionierendes Gremium ist es zudem wichtig, dass die Beteiligten über verlässliche Kommunikationsstrukturen verfügen, sich über Regeln verständigen können (Angehörigenvereinbarung) und es schaffen, sich mit dem Pflegeanbieter als gleichberechtigter Partner auf Augenhöhe übe die Versorgungsqualität zu verständigen und bei Bedarf darüber verhandeln zu  können. In Ergänzung dazu sehe ich den Bedarf an ordnungsrechtlicher Regelung als wichtig an, sollten keine Interessenvertreter diese Aufgabe übernehmen können.