Freitag, 27. Februar 2015

Interview mit Kaspar Pfister, Gesellschafter der BeneVit-Gruppe

Kaspar Pfister, BeneVitNach dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff wird eine „aktivierende Pflege“ gefordert. In den Pflegeeinrichtungen der BeneVit-Gruppe legt man bereits jetzt großen Wert auf eine aktive Alltagsgestaltung. Wir haben den geschäftsführenden Gesellschafter Kaspar Pfister dazu befragt, welche Veränderungen er als Folge der Pflegereform erwartet.

 BIVA: Sehr geehrter Herr Pfister, in Ihren Einrichtungen wird der Ansatz verfolgt, die Bewohnerinnen und Bewohner aktiv am Leben teilhaben zu lassen. Können Sie uns erläutern was genau das bedeutet?

 Pfister: Im BeneVit-Hausgemeinschaftskonzept leben ca. 12 pflegebedürftige ältere Menschen in einer autarken Wohnung mit Esszimmer, offener Küche, Wohnzimmer mit Kaminofen und allen Nebenräumen. Mit  Unterstützung von Pflege- und Hauswirtschaftskräften wird gemeinsam mit den Bewohnern ein normaler Tagesablauf gestaltet. Ob Kuchen backen, Wäsche zusammenlegen, Staub saugen, Anfeuern der Kaminöfen, Blumenpflege oder Dekoration – alle hauswirtschaftlichen Tätigkeiten werden innerhalb der Wohnung erbracht. Die Alltagsgestaltung wird als Therapie genutzt und ermöglicht, dass jeder Bewohner durch eine Vielzahl von Aufgaben sich angesprochen fühlt. Sei es durch aktives Mithelfen oder auch durch Zuschauen.

Am Leben teilnehmen heißt auch, in das Gemeinwesen integriert zu sein. Der Besuch des Eiscafés, der Einkauf auf dem Wochenmarkt, der Kirchgang am Sonntag sowie viele Kooperationen – vom Fußballverein bis zum Kindergarten – bieten Begegnung und Erlebnis.

 BIVA: Was ist der Vorteil an dieser Methode?

 Pfister: Ein entscheidender Faktor für die erfolgreiche Umsetzung des Hausgemeinschaftskonzeptes ist, dass alle Dienstleistungen von eigenen Mitarbeitern ausgeführt werden. Dadurch erhöht sich die Personalpräsenz am Bewohner je nach Personalschlüssel und Bundesland um 40 – 50%; ein messbarer Faktor der Wirkung zeigt.

Durch die Einbindung der Bewohner wird die Alltagskompetenz erhalten, gestärkt oder reaktiviert und deren Selbstverantwortung gefördert. Bei derzeit 22 BeneVit-Standorten und rund 2000 Kunden zeigt sich, dass die Pflegebedürftigkeit der Bewohner eher ab- als zunimmt.

Ein aktuelles Untersuchungsergebnis der Dualen Hochschule Stuttgart (2014 / Prof. Simon) erfasst die Lebensqualität von Bewohnern. Hierbei liegt die Lebenszufriedenheit der BeneVit-Bewohner bei 7,2, der Referenzwert des OECD Better Life Index für Deutschland bei 7,0. Ein weiterer Faktor: nur 9% der Bewohner sind in der Pflegestufe III, über 60% bleiben in den Stufen I/0.

 BIVA: Derzeit wird an der Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs gearbeitet. Demnach wird mehr Wert darauf gelegt, über welche Ressourcen der Pflegebedürftige verfügt, was er „noch kann“, und weniger darauf, welche Defizite und Diagnosen er hat. Kommt die Pflegereform Ihrem Ansatz also entgegen?

Pfister: Die kleinen, familienähnlichen Wohnformen sind besonders auch für Menschen mit Demenz geeignet, denn psychisch bedingte oder hirnorganische Erkrankungen nehmen zu. Schon lange nicht mehr ist die körperliche Beeinträchtigung Gradmesser für den Bedarf an Pflege und Betreuung. Die neue Definition der Pflegebedürftigkeit soll Ressourcen in den Blickpunkt nehmen, die sich sowohl bei somatisch-pflegebedürftigen als auch bei desorientierten Menschen finden. Ein Ansatz, der bereits in der konsequenten Einbindung aller Bewohner in die BeneVit-Hausgemeinschaft zu finden ist. Wer im Rollstuhl sitzt, kann beim Kartoffel schälen ebenso helfen wie ein Bewohner mit Demenz, der die Kartoffel in der Hand fühlt und wieder weiß, was damit zu tun ist.

 BIVA: Welches sind aus Ihrer Sicht die bedeutendsten Veränderungen, die sich durch die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs für stationäre Einrichtungen ergeben?

 Pfister: Durch die Einstufung in die neuen Pflegegrade werden insbesondere die kognitiv und psychisch beeinträchtigten Pflegebedürftigen bei den Leistungsbeträgen gleichgestellt. Oder anders gesagt: Zukünftig erhalten alle Pflegebedürftigen, die den gleichen Pflegegrad haben, die gleichen Leistungsansprüche.

 BIVA: Was für Verbesserungen an der aktuellen Pflegereform wünschen Sie sich?

 Pfister: Als Befürworter des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs wünsche ich mir, die sofortige Umsetzung und Bereitstellung der dadurch bedingten erhöhten SGB XI-Leistungen – und nicht erst im Jahr 2017. Wichtig wird aber sein, dass nicht nur eine andere Begrifflichkeit erfolgt, sondern dass vor allem die stationären Leistungen der Sozialversicherung an die Bewohner deutlich angehoben wird.

Um Gerechtigkeit bei den Leistungen zu schaffen, sollte die Pflegereform jedoch  zudem die Differenzierungen von ambulant, stationär und teilstationär aufheben. SGB XI- und SGB V-Leistungen dürfen nicht an die Wohnform, sondern als Versicherungsleistung an die Pflegebedürftigkeit geknüpft werden. Auch stationäre Bewohner haben Anspruch auf SGB V-Leistungen. So steht jedem ein Budget zu Verfügung, das sich aus den eingezahlten Pflege- und Krankenversicherungsbeiträgen finanziert und für die individuell geeignete Wohnform eingesetzt werden kann.