Freitag, 24. Juni 2016

Interview mit einem Dienstleister für Alltags- und Freizeitgestaltung

Ältere Menschen, egal ob zu Hause oder im Pflegeheim, sind heute deutlich aktiver als früher. In Kassel hat sich vor einigen Jahren active life, eine eigene „Dienstleistungsagentur 60+“ gegründet, die sich auf Angebote der Alltags- und Freizeitgestaltung spezialisiert hat. Sie bieten solche Aktivitäten auch als externe Dienstleistung Pflegeheimen an.

Uns hat interessiert, warum es dafür einen Bedarf gibt, und wie sich die Zusammenarbeit mit den Einrichtungen gestaltet. Daher haben wir dazu Patricia Horak, Projektmanagerin bei active life, interviewt.

BIVA: Wie sind Sie denn überhaupt darauf gekommen, ein Angebot wie auf Ihrer Seite Active Life anzubieten? Besteht ein besonderer Bedarf daran gerade für Senioren?

Aus Gesprächen mit den verschiedensten Menschen, wie zum Beispiel Senioren und Seniorinnen aus der Nachbarschaft oder aus dem Kundenkreis von Freunden und Familie, wurde die Idee in 2014 in Form von Active Life mit der Kernkompetenz Alltagsbegleitung ins Leben gerufen. Durch weitere Gespräche und Berichte über die teilweisen Missstände in Pflegeeinrichtungen haben wir unser Konzept 2015 auf die Alltags- bzw. Freizeitgestaltung in Heimen mit dem Ziel der Auslagerung erweitert. In 2016 gehen wir wieder einen Schritt weiter und bieten zudem Haushaltshilfen und einen Sicherheitsanruf an. Durch die tägliche Arbeit stoßen wir immer wieder auf neue Impulse und man darf gespannt sein, was sich noch alles ergeben wird und welche Projekte wir zukünftig ins Leben rufen werden.

BIVA: Haben Sie in Ihrer Tätigkeit erkennen können, dass sich die Zielgruppe in den letzten Jahren verändert / verändert hat?

Unsere Zielgruppe ist der Mensch, das war von Anfang an unser Hauptaugenmerk. Einerseits erleben wir Menschen, die sich selbst fast aufgegeben haben, da sie niemandem zur Last fallen möchten, andererseits begegnen wir Menschen, die verstehen, dass ihr Leben eigentlich nur eine neue Richtung einschlägt. Eine Veränderung, welche wir bei unserer Arbeit festgestellt haben, ist, einen geeigneten Namen für die Zielgruppe zu finden. Da es sich um Menschen aus verschiedenen Lebensabschnitten handelt, welche einen Zeitraum von vielen Jahrzenten überdecken, sind die jeweiligen Erfahrungen und Lebensstile sehr verschieden. Viele fühlen sich mit dem Begriff „Senior/-in“ nicht angesprochen, der Begriff scheint sogar eher negativ behaftet. Fremdbild und Selbstbild unterscheiden sich stark, viele fühlen sich viel jünger und aktiver als Gleichaltrige und sich Unterstützung oder Hilfe zu holen wird häufig mit dem Verlust der Selbständigkeit und Unabhängigkeit verbunden. Wir betonen dabei immer eher das Gegenteil: durch die rechtzeitige Unterstützung lässt sich die Selbstständigkeit fördern und es wird die Möglichkeit geschaffen, möglichst lange selbstbestimmt  im eigenen Zuhause leben zu können. Wer schon von sich aus aktiv ist, kann beispielsweise bei unserem Kursangebot das Aktivsein erhalten und fördern. Für die eher verunsicherten und zurückhaltenden Menschen ist der Einstieg in einen Kurs mit Gleichaltrigen eine gute Möglichkeit, aktiv zu werden und sich von den aktiveren Kursteilnehmern inspirieren und mitreißen zu lassen.

BIVA: Bieten Sie auch Programme für Menschen, die nicht mehr so aktiv sind? Z.B. wegen bestehender Pflegebedürftigkeit? Sind bei dieser Zielgruppe „Besonderheiten“ zu beachten, auf die Sie sich einstellen?

Bei unserer Arbeit handelt es sich um eine nicht-medizinische Ergänzung zu den klassischen Pflegeangeboten und der Versorgung durch pflegende Angehörige, da das klassische Pflegeangebot bereits so gut aufgestellt ist, dass wir uns bei der Alltags- und Haushaltshilfe darauf spezialisiert haben, unseren Kunden unterstützend zur Seite zu stehen. Natürlich gehen wir dabei auch auf den jeweiligen Aktivitätsgrad des Betroffenen ein, und an diesen wird auch das Ausmaß der Hilfe und Unterstützung angepasst. Besonders zu beachtende Besonderheiten sind ganz individuell genauso unterschiedlich, wie die Zielgruppe selbst. Flexibel zu reagieren und auf den Menschen einzugehen ist da sehr wichtig. Unser Ziel ist, durch die persönliche und individuelle Betreuung die vorhandenen körperlichen Fähigkeiten und die sozialen Kontakte zu erhalten und zu fördern, und so die Pflegebedürftigkeit so weit wie möglich in die Zukunft zu verschieben. Oft wenden sich die Menschen mit bestehender Pflegebedürftigkeit direkt an die Pflegedienste, da sie häufig auch oder vor allem die medizinische Versorgung benötigen. Das größte Problem sehen wir jedoch dennoch in der Vereinsamung von weniger aktiven oder pflegebedürftigen Menschen. Wir freuen uns über Anfragen von allen Menschen, ob Pflegestufe oder nicht, sofern wir im nicht-medizinischen Bereich unterstützen können. Bei Pflegestufe 0 und 1 bietet es sich sogar an, unsere Leistungen in Anspruch zu nehmen.

Bei unserem Kursangebot bedarf es keinem besonderen Programm. Gerne können uns die Interessenten bei Bedenken zu den eigenen Fähigkeiten oder dem Aktivitätsgrad im Vorfeld telefonisch oder persönlich zu Rate ziehen. Menschen mit Handicap oder weniger aktive Menschen werden vom Kursleiter und der Gruppe so gut integriert, dass „Besonderheiten“ kaum auffallen. Eines unserer Ziele ist es, Begegnungsstätten zu schaffen. Je unterschiedlicher die Voraussetzungen des Einzelnen, umso größer der Lerneffekt und die eigene Aktivierung.

BIVA: Bieten Sie Ihr Programm auch in Pflegeheimen an?

Bei der Entwicklung unserer Geschäftsidee ist und war die Auslagerung des Freizeitangebots der Pflegeheime eines unserer Hauptziele. Wir bieten Senioreneinrichtungen ein Kooperationskonzept an, um bereits bestehende Strukturen zu ergänzen, aber auch gerne zu erweitern. Die Aufgabe der Gestaltung, Planung, Materialbeschaffung und Umsetzung der Freizeitgestaltung bzw. des Angebots an Kursen würden wir somit übernehmen. Wir sehen darin eine große Chance, das Pflegepersonal zu entlasten und bei personellen Engpässen gegebenenfalls zusätzlich mit unseren Alltagsbegleitern zu unterstützen.

Allerdings gestaltet sich dieses Vorhaben schwieriger als erwartet.

BIVA: An wen wenden Sie sich dort?

Wir wenden uns dabei primär an die Heimleitung selbst. Es gibt selbstverständlich Pflegeheime, welche intern sehr gut aufgestellt sind und bei denen es somit unserer Unterstützung nicht bedarf. In anderen Pflegeheimen sieht es leider anders aus, und das, was nach außen kommuniziert wird widerspricht leider dem, was wir von Mitarbeitern, Angehörigen oder den Bewohnern selbst mitgeteilt bekommen. Unsere Idee der Auslagerung wird vor allem von den Pflege- und Sozialdienstleitern sehr gut angenommen, letztendlich scheitert die Kooperation aber häufig an den Entscheidungsträgern – sei es die Heimleitung oder der Träger selbst.

BIVA: Wenn ja, was bieten Sie an und wie wird das Programm angenommen?

Dennoch haben wir Kooperationen mit Pflegeheimen in der Form auf die Beine stellen können, dass uns die Heime Ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. In diesen Häusern läuft es dann so, dass sowohl die Bewohner als auch Senioren und Seniorinnen von außerhalb an den Kursen teilnehmen können. Die Kosten für die Teilnahme müssen aber leider häufig noch von den Bewohnern selbst, und nicht aus dem Budget des Heims, getragen werden.

Unser Programm wird sehr gut angenommen. Wir achten immer darauf, dass unser Programm an den Bedarf der Bewohner angepasst ist und bieten auch wirklich nur das an, was nicht (wenn überhaupt) intern schon angeboten wird, sondern ergänzen. Vor allem Qi Gong ist derzeit sehr gefragt. Im kreativen Bereich ist es nach wie vor das Malen, da dieses sowohl bei Demenzkranken als auch bei aktiven, kreativen Seniorinnen und Senioren, die noch etwas lernen wollen, positive Gefühle auslöst und einfach Spaß macht!

BIVA: Haben Sie in diesem Zusammenhang auch Kontakt mit dem Beirat, also der Interessenvertretung der Bewohner, die ja auch für die Mitwirkung bei der Freizeitgestaltung zuständig ist? Wenn ja, wie funktioniert der Umgang mit diesen Vertretern?

Wir haben versucht, Kontakt zu den jeweiligen Heimbeiräten aufzunehmen. Allerdings war es uns unmöglich, an die Kontaktdaten heranzukommen. Die Mitglieder werden unserer Recherche nach weder auf den Internetseiten noch an anderer Stelle bekannt gegeben, und auf direkte Nachfrage wurden wir darauf hingewiesen, es würden uns aus Daten- und Mitgliederschutzgründen keine Kontaktdaten zur Verfügung gestellt werden. Das haben wir so akzeptiert und wendeten uns also mit unserem Vorhaben weiterhin an Heim-, Pflegedienst- und Sozialdienstleitung sowie, sofern zum Beispiel eine Einladung zum Angehörigenabend erfolgte, an die Angehörigen. Selbstverständlich würden wir uns sehr freuen, wenn die Interessenvertreter der Bewohner mit uns in den Dialog treten würden, sodass wir da unterstützen können, wo Bedarf besteht.