Freitag, 05. Mai 2017

Interview: Im Heim selbst pflegen

Nicht selten in deutschen Pflegeheimen „packen Angehörige mit an“, sprich: sie erbringen selbst Pflegeleistungen, obwohl die Pflegebedürftigen in stationärer Pflege mit „vollumfänglichem Leistungsangebot“ versorgt werden. Über die Erfahrungen und die Motivation hierzu sprechen wir mit unserem Mitglied Gisela Müller.

BIVA: Sie pflegen Ihre Angehörige teilweise selbst, obwohl sie in einer vollstationären Einrichtung untergebracht ist. Die Angehörigenpflege im Heim ist ja eher ungewöhnlich. Wie kam es dazu, dass Sie Pflegeleistungen übernehmen und was für Tätigkeiten übernehmen Sie hier? Haben Sie einen Pflegekurs absolviert?

Müller: Meine Mutter ist in einer offenen Demenzstation untergebracht. Besonders abends gibt es dort einen hohen Arbeitsanfall bei geringem Personal. Sowohl die Uhrzeit als auch die Intensität, mit der die Bewohner bettfertig gemacht werden, entsprechen oftmals nicht ihren Bedürfnissen. Täglich helfe ich meiner Mutter abends mehrfach beim Toilettengang, leiste Körperpflege und begleite sie ins Bett. Außerdem wasche ich die Wäsche meiner Mutter, lege saubere Kleidung und Pants raus, u.v.m. Einen Pflegekurs habe ich nicht absolviert. Ich habe meine Mutter lange zu Hause z.T. mit der Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes versorgt und mir dabei Wissen angeeignet.  

BIVA: Wie reagiert man auf Sie? Erfolgen diese Pflegeleistungen in Absprache mit den Pflegekräften?

Müller: Ich hatte anfangs das Gefühl, dass mich die Pfleger als Konkurrenz und Kontrollinstanz betrachtet haben. Sie fühlten sich genötigt, mir ihre fachliche Kompetenz zu beweisen. Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt, es gibt Pfleger, die mich akzeptieren und mit denen ich Absprachen treffen kann.

BIVA: Werden Ihre Leistungen dokumentiert oder lediglich registriert? Was passiert, wenn Sie mal ausfallen?

Müller: Nachdem es bei der Pflege meiner Mutter seitens des Heimes zu gravierenden Fehlern kam, werden einige meiner Pflegeleistungen dokumentiert. Meistens muss ich aber die Pfleger darauf ansprechen. Wenn ich ausfalle, werden meine Leistungen nur teilweise von den Pflegern erbracht. Diese sind allerdings besonders bei personellen Engpässen nicht ausreichend.  

BIVA: Wird Ihre Leistung in der Abrechnung berücksichtigt oder bezahlen Sie auch für Leistungen, die Sie selbst erbringen?

Müller: Den Eigenanteil der Pflegekosten für meine Mutter zahle ich in vollem Umfang, es werden keine Leistungen, die ich erbringe, abgezogen.  

BIVA: Sehen Sie in der gemeinsamen Pflege von Fachkräften und Angehörigen im Heim eine neue zukunftsorientierte Richtung?

Müller: Die „gemeinsame“ Pflege von Fachkräften und Angehörigen im Heim halte ich nur in Ausnahmefällen für ein gutes Modell: Bei einigen Demenzkranken, Heimbewohnern mit Migrationshintergrund und anderen Bewohnern, die nicht mehr in der Lage sind, sich ausreichend zu äußern, kann sich die Lebensqualität der Kranken durch die Einbeziehung der Angehörigen verbessern. Hier gilt es genauere Rahmenbedingungen zu schaffen. Grundsätzlich halte ich jedoch nichts davon, dass Angehörige den Pflegenotstand kompensieren.