Freitag, 06. Juli 2018

Interview: Die Möglichkeiten eines digitalen Helfers im Heim

Digitale Technik soll der Unterstützung dienen und die Menschen entlasten. Im alltäglichen Einpflegen von Daten und Dokumentieren in der Pflege geht jedoch manchmal der Blick dafür verloren, worin die Entlastung besteht. Dafür ist ein ganzheitlicher Blick notwendig.

Wir haben Michael Riesinger vom Start-up-Unternehmen Trialog dazu befragt. Seine Kollegen und er haben ein innovatives System entwickelt, in dem ein portables Board, eine Art Tablet mit umfangreichem Funktionsumfang, mit einem ganzheitlichen Konzept zur Gestaltung von Kommunikation und Prozessen gekoppelt wird. Mehr Zeit für die Pflege, schnellere Entscheidungsprozesse und direkter Zugriff auf externes Fachwissen sind die Ziele, die damit verfolgt werden.

Sie haben das Ziel, die Prozesse in Pflegeheimen zu verbessern. Wie machen Sie das?

JUMA – so heißt unser System – ist ein neuartiges, mobiles, software- und technologieunterstütztes System für die Qualitätsentwicklung in stationären Altenpflegeeinrichtungen. Es wurde als ganzheitliches Qualitätsmanagement- und Kommunikationstool entwickelt und zeigt die (Pflege-)Qualität objektiv und individuell auf. Das Ergebnis ist eine systematische Qualitätssteigerung der Einrichtung. JUMA ermöglicht die digitale Auditerstellung und Archivierung sowie die mobile Durchführung von Audits und Visiten an Ort und Stelle mit Hilfe eines hierfür entwickelten innovativen Team-Konzepts. Bei Bedarf ist es außerdem möglich, spezifische Messungen mit dem JUMA-Board vorzunehmen und diese mit in das Audit einfließen zu lassen. Wie z. B., Temperaturmessungen, Längenmessung zur Vermessung von Räumlichkeiten oder die Luftfeuchtigkeit und die Helligkeit objektiv darzustellen. Drei Schwarzlicht-LEDs lassen sich ideal für das Hygienemanagement einsetzen. Eine Kamera und eine Taschenlampe runden die Funktionen des JUMA-Boards ab.

Welche Probleme wollten Sie mit dem digitalen Helfer lösen?

In stationären Pflegeeinrichtungen wird derzeit das Qualitätsmanagement handschriftlich bzw. mit Hilfe von verschiedenen Excel-Tabellen und Word-Dateien umgesetzt und dokumentiert. Dies ist zeitraubend und nicht effektiv. Für eine professionelle Pflege und Wettbewerbsfähigkeit ist ein funktionierendes QM-System allerdings unerlässlich und wird durch regelmäßige Qualitätsprüfungen, z. B. durch den medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) und die Behörde, überprüft. Unterstützung und Wissensvermittlung werden von außen oft als Störfaktor empfunden.

Mein Mitgesellschafter Frank Jansing und ich kennen als ehemaliger Heimleiter bzw. als Geschäftsführer eines Sanitätshauses dieses Problem. Wenn ich früher als Reha-Berater in die Altenheime kam und versuchte, schlecht eingestellte Rollatoren und fehlendes Wissen mit dem Umgang von Reha-Produkten durch Aufklärung aus den Heimen zu verbannen, stieß ich immer wieder auf die gleiche Herausforderungen: Interne und externe Unterstützungs-, Entlastungs- und Beratungsmöglichkeiten stehen viele zur Verfügung, diese sind aber leider mit herkömmlichen Mitteln nur schwer und kaum nachhaltig in den individuellen Pflegeprozess zu integrieren.

Diese Problematik gilt aber nicht nur im Umgang mit Hilfsmitteln. In der Pflege herrscht das Problem, dass Qualitätsmanagement zwar verschriftlicht, aber durch die Mitarbeiter nicht aktiv gelebt wird.  Mitarbeiter in der stationären Pflege ohne zeitlichen Aufwand in die Arbeitsprozesse einzubinden, gezielt weiterzubilden und ohne finanzielle Belastung externes Fachwissen einzubringen, das war von Anfang an das definierte Ziel. Pflege- und Fachkräfte sollen sich anders wahrgenommen fühlen (Wertschätzung), was die Motivation steigert. Eine interaktive Kommunikation soll dadurch entstehen. Das Ergebnis ist Transparenz, Wirtschaftlichkeit und somit mehr Zeit für die Pflege. Außerdem kann JUMA den Bewohnern eine Stimme verleihen, welche z. B. durch demenzielle Veränderungen oder andere Krankheitsbilder keine Angaben zur aktuellen Wohnumfeldsituation machen können. Hier kann das JUMA Board durch die Möglichkeit von verschiedenen Messungen (Temperatur, Helligkeit, Lautstärke, etc.) die fachliche Einschätzung unterstützen und Hinweise für maskierte Probleme liefern.

Welche Philosophie steckt hinter JUMA?Schema Trialog

JUMA ist nicht nur ein Produkt, sondern vor allem auch ein ganzheitliches Konzept, um Kommunikation und Pflegeprozesse besser zu machen. Klare, handlungsweisende Informationen helfen, die Pflegesituation umgehend zu verbessern. JUMA interviewt die Mitarbeiter nicht nur, sondern gibt auch Erläuterungen und vermittelt unmittelbar Wissen, z. B. im Bereich der  Qualitätsprüfungs-Richtlinien (QPR) des Medizinischen Dienstes oder dem richtigen Umgang mit der Pflegedokumentation. Das JUMA-Board ist dabei in ein Gesamtkonzept eingebunden mit dem Ziel, schnell, einheitlich und auf sachlicher Ebene zu kommunizieren und zu informieren.

Dazu arbeiten die Mitarbeiter in Dreierteams, daher der Firmenname Trialog Medical. So bleibt es unter Einsatz von JUMA auch in Krisensituationen möglich, auf reiner Sachebene miteinander zu kommunizieren. Zum einen ist da die Projektleitung, welche für die erfolgreiche Abwicklung des Projektes verantwortlich ist. Diese kann zum Beispiel eine Bezugspflegefachkraft sein, welche eine vorausgegangen Bewohnerkrise zum Anlass nimmt, die aktuelle Pflegesituation mit Hilfe einer Pflegevisite zu evaluieren. Ihr obliegt die Leitung und die Sicherung der bedarfsgerechten Umsetzung. Ob nun aus einer Bewohnerkrise heraus, wie z. B. einem Sturz, oder aus einem turnusmäßigen Rhythmus oder dem subjektiven Gefühl, dass sich etwas verändert haben könnte, ist dabei nebensächlich. Das zweite Mitglied im JUMA-Team ist der interne oder externe Berater, welcher das jeweils erforderliche Fachwissen miteinbringt. Dabei sind innerhalb der Einrichtung z. B. Mitarbeiter aus der Pflege mit speziellen Weiterbildungen (z. B. Wundmanagement, Palliative Care, gerontopsychiatrische Fachkräfte), Ergotherapeuten, die Hauswirtschafts-/Küchenleitung oder der Hausmeister denkbar. Als externe Berater kommen zum Beispiel die kooperierende Apotheke oder das unterstützende Sanitätshaus in Betracht. Als drittes Mitglied empfiehlt sich eine Leitungskraft aus der Einrichtung, die nicht unmittelbar in die direkte Bewohnerversorgung eingebunden ist. Als „Anwalt für den Bewohner“ kann sie so unabhängiger und damit besser beurteilen, ob die erforderliche Pflege und Betreuung umgesetzt wird. Außerdem übernimmt sie die Steuerung des Überprüfungszyklus und stellt somit sicher, dass alle erforderlichen und vereinbarten Maßnahmen erfolgreich umgesetzt werden.

Welche ganz konkret spürbaren Verbesserungen hat JUMA für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen?

Stellen Sie sich einmal folgende Situation aus dem stationären Pflegealltag vor: Frau Meyer wohnt in einer Altenpflegeeinrichtung. Sie hatte zur Zeit ihres Einzugs nur eine geringe Beeinträchtigung der Selbstständigkeit. Frau Meyer braucht in der morgendlichen Pflege nur geringe Hilfestellungen und ist auch sonst eine sehr Autonomie liebende Frau. Seit kurzem häufen sich allerdings Sturzereignisse. Frau Meyer äußerte außerdem des Öfteren, dass sie keine Lust auf die Gruppenangebote des Sozialdienstes hätte und hält sich vermehrt alleine in ihrem Zimmer auf. Ein insulinpflichtiger Typ II Diabetes wurde letztes Jahr diagnostiziert und auf Grund eines aktuellen Harnweginfektes nimmt Frau Meyer ein Antibiotikum ein. Die aktuelle Bewohnerkrise führt dazu, dass die Bezugspflegefachkraft zusammen mit der Pflegedienstleitung und die Leitung des Sozialdienstes zunächst eine Pflegevisite mit JUMA durchführt. Es kristallisiert sich zunehmend heraus, dass Frau Meyer durch die im Berichteblatt vermerkten Einträge einen vermehrten Hilfebedarf aufweist und in ihrem jetzigen Pflegegrad falsch eingraduiert ist. Außerdem fällt dem JUMA-Team auf, dass Frau Meyer an einigen Tagen auf das Pflegepersonal verwirrt wirkte und die Blutzuckerwerte ebenfalls unbeständig waren. Einige Einträge lassen zudem darauf schließen, dass Frau Meyer eine beginnende Harninkontinenz aufweist, da sie vermehrt Kleidung auf ihrer Heizung trocknet und sich Toilettenpapier in die Unterwäsche steckt. Den Handlungsbedarf für Überarbeitung der Pflegedokumentation gibt die Projektleitung direkt in die JUMA Software ein und druckt sich am Ende des Audits einen Maßnahmenplan aus. Mit diesem können nach Abschluss des Audits alle Beteiligten sofort mit der Umsetzung der nötigen Maßnahmen beginnen und diese kommunizieren, übliche Zeitverzögerungen werden vermieden. Bevor sich die Projektleitung ein Wiedervorlagedatum für das Audit setzt, wird sie noch gefragt, ob im Anschluss die empfohlene Pharmavisite durchgeführt werden soll. Diese wurde durch zuvor gegebene Antworten im Bereich der Medikation und den ärztlichen Verordnungen ausgelöst und der Auditgruppe zur Durchführung empfohlen. Das Team erhält während des Ausfüllens des Audits stetig umfassende Erläuterungen, warum welche Fragen im Audit-Interview gestellt werden und welche Auswirkungen ein Nichterfüllen des Kriteriums mit sich zieht, unterschiedliche Antwortmöglichkeiten führen dabei zu unterschiedlichen Maßnahmen. In der empfohlenen Pharmavisite kommt der Ursprung der Sturzereignisse zum Vorschein: Die Antibiotikagabe trat in Wechselwirkung mit dem Insulin und führte auf Grund der verstärkten blutzuckersenkenden Wirkung bei Frau Meyer zu Schwindelanfällen. Im Gespräch mit Frau Meyer während der Pflegevisite äußert die Bewohnerin, dass die beginnende Inkontinenz und der erhöhte Hilfebedarf bei ihr Schamgefühle aufkommen lassen, weshalb sie momentan ungerne an den Gruppenangeboten teilnimmt. Mit diesen Erkenntnissen kann die aktuelle Bewohnerkrise schneller und effizienter überwunden werden und auch der nicht mehr bedarfsgerechte Pflegegrad wird dem tatsächlichen Hilfebedarf angepasst, so dass Frau Meyer in absehbarer Zeit einen höheren Pflegegrad erhält. Wenn man nun davon ausgeht, dass alle Bewohner regelmäßig mit JUMA visitiert werden und Kriterien wie die aktuelle Medikation, Verordnung, der ärztliche Kontakt und vieles mehr zentral in einem Audit erfasst werden, können die Bewohner einer Altenpflegeeinrichtung kaum individueller und bedarfsgerechter versorgt werden. Insgesamt gibt es für alle Fachbereiche einer Altenpflegeeinrichtung passende Audits, welche die aktuelle Qualität abbilden und eine Entwicklung fördern. Und davon profitieren alle: die Mitarbeiter, die Einrichtung und nicht zuletzt die Heimbewohner und ihre Angehörigen.

Porträt Michael Riesinger

Michael Riesinger ist geschäftsführender Gesellschafter der Trialog Medical GmbH. Den Bereich der Pflege nicht einfach als austauschbare Aufgabe zu sehen, sondern als Herausforderung, für die er sich mit Überzeugung engagiert, kennzeichnet seinen Berufsweg. Über den Umweg einer militärischen und technischen Ausbildung als Bauzeichner fand er zu seiner wahren Profession als Reha-Techniker und Reha-Fachberater. Mit mehr als zehnjähriger Berufserfahrung in diesem Bereich wurde er Geschäftsführer des Sanitätshauses BeverMed, das sich mit einem hohen Qualitätsanspruch der optimalen individuellen Versorgung verschrieben hat.

Weitere Informationen:

Homepage von JUMA

Homepage der Trialog Medical GmbH