Vertragsanpassung bei Änderung des Pflege- oder Betreuungsbedarfs

Wenn sich der Pflege- oder Betreuungsbedarf ändert, hat der Verbraucher in der Regel ein Interesse daran, dass die Leistungen seinem veränderten Bedarf angepasst werden und dazu eine entsprechende Vertragsanpassung vorgenommen wird, so dass er nicht umziehen oder sich andere Pflegeanbieter suchen muss. Das WBVG gibt dem Verbraucher den Anspruch, ein Angebot zur Leistungsanpassung zu erhalten.

Allerdings ist es für den Unternehmer wichtig, dass nicht unter allen Umständen ein entsprechendes Angebot abgegeben und eine Vertragsanpassung vorgenommen werden muss. Möglicherweise sind die Räumlichkeiten der Einrichtung nicht geeignet für Menschen mit schwerer körperlicher Behinderung oder Beatmungspatienten können pflegefachlich nicht angemessen versorgt werden. Da in solchen und vergleichbaren Fällen von einem Unternehmer nicht verlangt werden kann, beispielsweise Umbauarbeiten vorzunehmen oder Mitarbeiter mit besonderer Qualifikation einzustellen, muss ihm das Recht eingeräumt sein, keine Vertragsanpassung anzubieten und sich unter eng begrenzten Voraussetzungen vom Vertrag zu lösen.

 

Die Regelung des WBVG

Ändert sich der Pflege- oder Betreuungsbedarf des Verbrauchers, muss der Unternehmer eine entsprechende Anpassung der Leistungen anbieten. Der Verbraucher ist berechtigt, das Angebot zur Leistungsanpassung ganz, teilweise oder gar nicht anzunehmen. Die Leistungspflicht des Unternehmers erhöht oder verringert sich dementsprechend, ebenso die Höhe des vom Verbraucher zu zahlenden angemessenen Entgelts, § 8 Absatz 1 WBVG.

Erhalten Verbraucher Leistungen aus der Pflegeversicherung oder Sozialhilfe in Einrichtungen, kann der Vertrag durcheinseitige Erklärung des Unternehmers angepasst werden, § 8 Absatz 2 WBVG.

In beiden Fällen besteht für den Unternehmer die Pflicht, das Anpassungsangebot gegenüber dem Verbraucherschriftlich durch Gegenüberstellung der bisherigen und der angebotenen angepassten Leistungen sowie der nunmehr zu zahlenden Entgelte darzustellen und zu begründen, § 8 Absatz 3 WBVG.

Der Unternehmer hat die Möglichkeit, seine Pflicht, ein Angebot zur Leistungsanpassung abzugeben, ganz oder teilweise auszuschließen. Allerdings muss dieser Ausschluss bereits bei Vertragsschluss ausdrücklich vereinbart beziehungsweise in den schriftlichen Vertrag mit aufgenommen werden. Der Ausschluss des Angebots zur Leistungsanpassung muss in hervorgehobener Form erfolgen.

Ein solcher Ausschluss eines Angebotes zur Leistungsanpassung darf nur erfolgen, wenn der Unternehmer unter Berücksichtigung seines dem Vertrag zugrunde gelegten Leistungskonzepts ein berechtigtes Interesse an diesem Ausschluss hat und dies in der Vereinbarung auch begründet. Die Belange von Menschen mit Behinderung sind besonders zu berücksichtigen, § 8 Absatz 4 WBVG.

 

Was bedeutet das für Sie als Verbraucher?

Ändert sich Ihr Pflege- oder Betreuungsbedarf, weil sich etwa Ihre Pflegestufe verändert, so haben Sie einen Anspruch darauf, dass Ihnen der Unternehmer eine Anpassung der Pflege- oder Betreuungsleistungen anbietet. Der Unternehmer hat Ihnen ein vollständig angepasstes Angebot zu unterbreiten, indem er die bisherigen Leistungen den neuen Leistungen nach Art, Inhalt und Umfang gegenüberstellt und die hierfür jeweils zu zahlenden Entgelte mitteilt. Das Angebot der Leistungsanpassung muss begründet werden, damit Sie die Notwendigkeit nachvollziehen und eine Entscheidung treffen können.

Damit Sie über eine Leistungsanpassung in Ruhe entscheiden können, muss das Angebot zur Vertragsanpassung schriftlich vorgelegt werden. Nur so ist Ihnen ein Vergleich von alten und neuen Leistungen und Preisen möglich sowie die Angemessenheit der neuen Entgelte überprüfbar. Ferner muss die Leistungsanpassung begründet werden, das heißt, es muss für Sie ersichtlich werden, warum ein Mehr oder Weniger an Leistung erforderlich ist. Diese Gegenüberstellung muss – wie schon erwähnt – für alle Verbraucher erfolgen, unabhängig davon, ob sie das Entgelt für den Wohnraum und die Pflege oder Betreuung selbst aufbringen oder Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten oder Sozialhilfe beziehen.

Sie haben als Ausdruck Ihrer Vertragsfreiheit das Recht, das veränderte Leistungsangebot vollständig, teilweise oder gar nicht anzunehmen. Allerdings hat der Unternehmer für den Fall, dass Sie das Angebot nicht annehmen, unter sehr eng eingegrenzten Voraussetzungen die Möglichkeit, den Vertrag zu kündigen, weil dann eine ausreichende Pflege und Betreuung nicht mehr sichergestellt werden kann.

Erhalten Sie Leistungen der Pflegeversicherung oder Sozialhilfe, kann der Unternehmer die Anpassung der Leistungen und des Entgelts durch einseitige Erklärung vornehmen. Das entspricht möglicherweise nicht Ihren Erwartungen an den Grundsatz der Vertragsfreiheit, trägt aber dem Umstand Rechnung, dass das Elfte und Zwölfte Buch Sozialgesetzbuch (Soziale Pflegeversicherung, SGB XI und Sozialhilfe, SGB XII) für diese Fälle eigene Regeln enthalten. Vertragsvereinbarungen müssen den Vorschriften des SGB XI und SGB XII entsprechen, anderenfalls wären sie nichtig. Sie haben aber auch in diesen Fällen einen Anspruch darauf, dass das neue Angebot nach Art, Inhalt und Umfang den alten Leistungen gegenübergestellt, die Auswirkungen auf die Höhe des Entgelts dargelegt und die Anpassung begründet wird. Genügt die Anpassung dieser Form nicht, ist die einseitige Erklärung des Unternehmers unwirksam.

Nehmen Sie das Angebot zur Leistungsanpassung an, so erhöhen oder verringern sich die zu zahlenden Entgelte. Auch diese müssen, wie die ursprünglich vereinbarten, angemessen sein. Das heißt, sie müssen einem Vergleich mit anderen vergleichbaren Anbietern Stand halten. Bei Leistungsempfängern der Pflegeversicherung oder der Sozialhilfe gilt das Entgelt als angemessen, das in den Vereinbarungen zwischen Kostenträgern und Unternehmern nach SGB XI und SGB XII festgelegt worden ist. Seit dem 1.1.2017 sind Sie über den einrichtungseinheitlichen Eigenanteil (EEE) vor einer Erhöhung des von Ihnen zu zahlenden Eigenanteils geschützt. Der veränderte Pflege- und Betreuungsbedarf führt nicht zu einer Erhöhung Ihres Eigenanteils.

Der Unternehmer kann seine Verpflichtung zur Abgabe eines Angebots zur Vertragsanpassung allerdings beim ersten Vertragsschluss ausschließen, wenn er mit Ihnen eine entsprechende gesonderte schriftliche Vereinbarung getroffen und dies besonders hervorgehoben hat.

Hervorhebung meint, dass der Ausschluss der Vertragsanpassung durch ein deutliches Absetzen im Text durch eine größere Schrift, eine andere Farbe oder Fettdruck kenntlich gemacht wird. Der Vertragspassus muss sich in nicht zu übersehender Weise aus dem übrigen Text hervorheben. Der Ausschluss ist von Ihnen gesondert zu unterschreiben. Wichtig ist, dass eine derartige Vereinbarung auch nur beim (ersten) Vertragsschluss getroffen werden kann. Es ist nicht zulässig, sie bei späteren Vertragsänderungen noch einzufügen.

Neben der Beachtung der Formalien muss der Unternehmer ein berechtigtes Interesse an einem derartigen Leistungsausschluss haben. Dieses berechtigte Interesse muss sich aus dem dem Vertrag zugrunde gelegten Leistungskonzept ergeben und ist zu begründen. Da das Leistungskonzept zwingender Vertragsbestandteil ist, ist es Ihnen durch einen Vergleich des neuen Angebots mit dem ursprünglichen Leistungskonzept möglich, die Stichhaltigkeit der Begründung für den Leistungsausschluss zu überprüfen. Die Kriterien, die der Unternehmer dabei dem Ausschluss zugrunde legt, müssen objektiver Natur sein und für eine Mehrheit entsprechend betroffenen Personen gelten. Somit kann die Angebotspflicht nicht für eine bestimmte Person in einem Einzelfall ausgeschlossen werden, sondern nur für alle Personen, die die vordefinierten und festgelegten Ausschlusskriterien erfüllen.

In der Praxis hat diese Ausschlussmöglichkeit vor allem bei stationären Einrichtungen nur eine geringe Bedeutung. Wegen des in diesen Fällen geschlossenen Versorgungsvertrages nach § 72 SGB XI ist eine Nichtanpassung der Leistungen nur möglich, wenn dies zuvor im Versorgungsvertrag gestattet wurde.

Beispiel

Ein Unternehmer möchte in seinem Haus ausschließlich Menschen mit Demenz betreuen. Er arbeitet auf der Basis von Konzepten, die den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden entsprechen und folgt dem wissenschaftlich begründeten Ansatz, ausschließlich Menschen mit einer Demenz zu betreuen. Unter Berücksichtigung seines besonderen Konzepts schließt er in seinen Verträgen die Verpflichtung, ein Angebot zur Vertragsanpassung abzugeben, aus, wenn zu einer Demenz schwere psychische Erkrankungen oder schwere körperliche Behinderungen hinzutreten und sich dadurch der Pflege- oder Betreuungsbedarf ändert.

Die Belange von Menschen mit Behinderung sind besonders zu berücksichtigen. Daher hat ein Unternehmer hier weitreichende Anstrengungen zu unternehmen, um diesen Personenkreis zu versorgen.

Beispiel

Eine Unternehmerin hat aufgrund der baulichen Ausstattung ihrer Immobilie nicht die Möglichkeit, Menschen mit körperlicher Behinderung aufzunehmen, weil es an der Barrierefreiheit fehlt. Diese ist in dem Altbau mit vier Etagen mitten im „Kiez“ auch nur schwer herzustellen. Deshalb beschränkt sie ihr Konzept und Angebot auf junge Erwachsene mit geistiger Behinderung, die durch ein besonderes Konzept und das Wohnen mitten im Stadtteil eine größtmögliche Integration erfahren sollen.

 

Welche Sanktionen stehen zur Verfügung?

Sie haben einen Anspruch darauf, dass bei einem veränderten Pflege- oder Betreuungsbedarf der Unternehmer ein Angebot zur Leistungsanpassung abgibt und damit die Leistungen Ihren Bedürfnissen anpasst.

In der Praxis ergibt sich oft folgendes Problem: Der Unternehmer ist der Auffassung, dass der Pflegebedarf steigt und drängt auf eine entsprechende Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK), um von der vertraglich vorgesehenen Möglichkeit der einseitigen Vertragsanpassung Gebrauch zu machen. Sie können sich dem nicht verschließen, fürchten aber die damit verbundene Erhöhung des Entgelts, was auch auf Ihren Eigenanteil Auswirkungen hat. Allerdings trägt der Unternehmer das Risiko, dass der MDK seine Auffassung auf ein notwendiges Mehr an Leistungen nicht teilt und die Einstufung in eine höhere Pflegestufe ablehnt.

 

Vertragsanpassung – kurz gefasst

  • Bei Änderung des Pflege- oder Betreuungsbedarfs hat der Unternehmer ein Angebot zur  Leistungsanpassung abzugeben. Im Falle einer Sozialleistung nach SGB XI und SGB XII kann die Leistungsanpassung durch einseitige Erklärung erfolgen, § 8 Absatz 1 und 2 WBVG.
  • Der Unternehmer hat die bisherigen und angebotenen neuen Leistungen und die dafür zu zahlenden Entgelte schriftlich gegenüber zu stellen. Die Leistungsanpassung muss schriftlich begründet werden, § 8 Absatz 3 WBVG.
  • Die Pflicht zur Unterbreitung eines Angebots zur Anpassung des Vertrages kann unter Berücksichtigung des Leistungskonzepts und der berechtigten Interessen des Unternehmers ausgeschlossen werden, wenn dies im Vertrag durch gesonderte Vereinbarung schriftlich vereinbart wurde, § 8 Absatz 4 WBVG.
  • Der Verbraucher kann das Angebot zur Vertragsanpassung (auch teilweise) annehmen oder ablehnen. Das Entgelt erhöht oder verringert sich dann entsprechend, § 8 Absatz 1 WBVG.