Freitag, 27. Februar 2015

Fünf Pflegegrade – statt drei Pflegestufen

Was zeigen die ersten Praxistests?

Seit der Vorstellung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und der neuen Pflegegrade gibt es Zweifel an der Anwendbarkeit. Mit Spannung ist das Ende einer Testphase der neuen Begutachtungssystematik erwartet worden. Mitarbeiter der BIVA nahmen jetzt an einem Expertenforum zum Neuen Begutachtungsassessment, auch NBA genannt, teil.
Ihr Fazit: Die neue Form der Begutachtung weist positive Ansätze auf. Fraglich ist nur, ob die Begutachtungen im Alltag auch tatsächlich so umfassend und detailliert umgesetzt werden können.

 So werden die Begutachtungen in Zukunft durchgeführt

Das Neue Begutachtungsassessment wird in acht Themenbereiche bzw. Module unterteilt:

  1. Mobilität
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
  4. Selbstversorgung / Alltagsverrichtung
  5. Umgang mit krankheits-/therapiebedingten Anforderung
  6. Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte
  7. Außerhäusliche Aktivitäten
  8. Haushaltsführung

In diesen Bereichen wird jeweils nach Einschränkungen in der Selbstständigkeit der elementaren Lebensführung gefragt. Der Einstufung in eine der 5 Pflegegrade liegen die Ergebnisse der Module 1 bis 6 zugrunde, die unterschiedlich gewichtet werden. Die Begutachtungen selbst ändern sich nicht grundlegend. Beispielsweise wird nach wie vor der medizinische und pflegerische Bedarf erfasst.
Neu sind vielmehr die Art der Einschätzung und die Ausweitung auch auf kognitive und psychische Probleme sowie auf soziale Kontakte und die Alltagsgestaltung. Außerdem werden Prävention und Rehabilitation eine größere Bedeutung zugesprochen. Der anerkannte Grundsatz „Reha vor Pflege“ soll laut den Referenten so erweitert werden, dass sie sich nicht ausschließen. Auch jemand, der gepflegt wird, soll an sinnvollen Reha-Maßnahmen teilnehmen. Zum Abschluss der geprüften Module wird immer abgewogen, wie notwendig und wie aussichtsreich eine Rehabilitation sein kann.

 

Umsetzbarkeit

Für die insgesamt 2000 Gutachter ist das neue Verfahren praktikabel. So wertet der Medizinische Dienst die Testphase. Die Gutachter wurden in leitfadengestützten Interviews zu ihren Erfahrungen befragt, die insgesamt positiv ausfielen. Die individuelle Situation des Antragsstellers könne demnach umfassender und präziser beschrieben werden als bisher. Es könne zwischen kognitiv-psychischen, kommunikativen und verhaltensbezogenen Beeinträchtigungen unterschieden und der Unterstützungsbedarf damit differenzierter erfasst werden. Alltagsgestaltung und soziale Kontakte wurden bisher gar nicht erfasst und seien somit als positive Zusatzinformationen zu werten.

Schlüssig ist nach den Ergebnissen der Testphase auch die Umsetzung der Ergebnisse der Prüfungen. Zur Kontrolle wurde der Zeitaufwand, der nach der neuen Methode ermittelt wurde, mit der Auflistung der Minuten nach dem alten Begutachtungssystem verglichen. Ergebnis war, dass der Zeitaufwand bei ähnlichem Pflegebedarf nach den Pflegegraden und den Pflegestufen als ungefähr gleich eingestuft wird. Unter dem Strich werden also ähnlich lange Pflegezeiten bewilligt. Neu sind allerdings die pflegerischen Tätigkeiten, die in den genannten Zeiten durchgeführt werden. Die Pflegegrade 4 und 5 weisen z.B. einen ähnlichen Zeitaufwand aus, aber in Pflegegrad 5 sind darin mehr Zeiten für körperliche Pflege enthalten.

 

Fazit aus BIVA-Sicht

Mit dem Neuen Begutachtungsassessment wird auf wichtige Probleme der alten Vorgehensweise reagiert, wie die Erfassung von nicht-somatischen Krankheitsbildern. Es zeigen sich viele positive Ansätze, allerdings bleiben auch noch viele Fragen offen.

Die Aufwertung von Prävention und Rehabilitation ist als Fortschritt zu werten. Der Grundsatz „Reha plus Pflege“ bzw. „Reha trotz Pflege“ kann vielen Menschen zu mehr Mut und Lebensqualität verhelfen. Doch wird es Grenzfälle geben, bei denen die Anwendung dieses Grundsatzes der tatsächlichen Situation des Pflegebedürftigen nicht gerecht wird. Hier besteht noch Forschungs- und Regelbedarf.

Die Förderung „aktivierender Pflege“, dazu gehören Prävention und das Aktivieren vorhandener Fähigkeiten, bedeuten einen neuer Ansatz in der Pflege, der lange gefordert wurde. Seine Umsetzung kann aber nur dann gelingen, wenn dafür finanzielle Anreize geschaffen werden. Das gegenwärtige System „belohnt“ hohe Pflegestufen in stationären Einrichtungen mit mehr Finanzmitteln und mehr Personal. Soll das neue System wirklich greifen, müssen hierfür die Voraussetzungen erst noch geschaffen werden.

Zweifel bleiben, was den Akt der Begutachtung selbst betrifft. Die Begutachtungen nach dem neuen System sind aufwändiger und anspruchsvoller. Umfeld und Ressourcen des Pflegebedürftigen müssen intensiver als bisher einbezogen werden. Beides ist zeitaufwändig und kann nicht ohne weiteres anhand der Pflegedokumentation nachvollzogen werden. Bei durchschnittlich fünf Begutachtungen pro Tag wird es schwer sein, diesen Anspruch zu erfüllen. Dies kann nur gelingen, wenn der Pflegebedürftige selbst und seine Angehörigen mehr als bisher mit einbezogen werden. Inwieweit dies gelingt, wird erst die Einführung selbst zeigen.

Niemand soll durch die Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade schlechter gestellt werden. Dieses Versprechen der Verantwortlichen aus der Politik kann leicht den Eindruck erwecken, dass zukünftig mehr Geld zur Verfügung steht. Allerdings wird es auch zukünftig nicht wesentlich mehr Geld für die Pflege geben. Es soll nach dem Willen der Verantwortlichen aber gerechter verteilt werden. Durch die neue Form der Begutachtung sollen die Leistungen breiter gestreut und angemessener verteilt werden.

Was die konkrete Verteilung der Finanzmittel angeht, sind immer noch einige Punkte offen: So ist z.B. nicht ersichtlich, wie zukünftig der Personalbedarf errechnet werden soll, der aktuell auf den „Minuten“ der Zeiterfassung beruht. Eine wichtige Frage, die für die Zufriedenheit mit dem neuen Verfahren eine wichtige Rolle spielen wird.