Mittwoch, 23. März 2016

Folgen des PSG II auf Personal und Pflege

Gastkommentar von Altenpflege-Experte Michael Thomsen

Thomsen

Michael Thomsen ist Experte für Altenpflege. Als Fachkrankenpfleger für Geriatrische Rehabilitation und als Heimleiter hat er langjährige Praxiserfahrung und beobachtet die Entwicklungen im Pflegebereich genau.

Wir haben den Altenpflege-Experten Michael Thomsen um eine Einschätzung der Auswirkungen der Pflegereform auf die Personal- und Pflegesituation in stationären Einrichtungen gebeten. Herr Thomsen ist

Die Ausweitung der Pflegeleistungen durch das PSG II bedeutet, dass ab 2017 zunehmend mehr Pflege-Leistungen zu erbringen sind. Gleichzeitig fehlt es an ausgebildeten Pflegekräften. Ein spürbares Mehr an Personal-Stellen in der stationären Pflege wird durch das PSG II aber nicht refinanziert. Was bedeutet das für die Pflege?

Zunächst eine für die Pflegebedürftigen und Pflegekräfte vorteilhafte Änderung: Unabhängig vom Pflegegrad zahlt der Pflegebedürftige zukünftig immer denselben Eigenanteil. Der einrichtungsspezifische Eigenanteil bedeutet, dass sich bei einer Höherstufung der zu zahlende Eigenanteil nicht mehr erhöht. Die persönliche Zuzahlung wird nach einem komplizierten Umrechnungsverfahren gedeckelt. Die Heime haben, wenn sich Pflegegrade abweichend von der Vorauskalkulation entwickeln, höhere wirtschaftliche Risiken zu tragen.

Durch das PSG II werden vermehrt Leistungen im ambulanten und teilstationären Bereich angeboten. Hatten die Träger von Pflegeheimen schon heute Probleme, Fachkräfte zu gewinnen, werden viele Pflegekräfte sich gerne auf den Markt der ambulanten und teilstationären Pflege abwerben lassen. Die Personalnot (= unbesetzte Stellen) wird steigen. In der Folge könnte es vermehrt zu Belegungsstopps durch Heimaufsichten kommen. Aber darin liegt auch eine Chance: Wenn dies immer häufiger geschieht, wird die Öffentlichkeit darauf aufmerksam werden, dass die stationäre Pflege unterfinanziert ist. Darüber hinaus werden die Gesetzgeber die Fachkraftquote wahrscheinlich weiter absenken, was für die examinierten Pflegekräfte zur Folge hat, dass sie eine noch größere Verantwortung erhalten.

Viele Pflegekräfte fragen, ob sich mit dem PSG II Verbesserungen für ihren Notstand ergeben?

Das Problem ist, dass die neuen Regelungen keine Erhöhung von Seiten der Pflegekassen erfahren. Für Menschen in der heutigen Pflegestufe 1, demnächst Grad 2, sinkt die Zuzahlung von heute 1064 Euro auf 770 Euro. Für Menschen in der Pflegestufe 2 sinkt die Zuzahlung noch um 68 Euro. Die Pflegegrade 1 und 2 werden sukzessive aus den Heimen verschwinden. Sie sollen und wollen lieber Zuhause gepflegt werden. Genau das ist vom Gesetzgeber im Sinne von „ambulant vor stationär“ beabsichtigt.

Welche Stellschrauben haben die Pflegenden zur Zeit, um möglichst viel Kollegen an die Seite zu bekommen?

  1. Eine geringe Krankheitsquote aufgrund eines guten Betriebsklimas.
  2. Eine gute Belegung über 98,5 % wegen guter Marktlage oder gutem Ruf.
  3. Möglichst viele Bewohner sind in der richtigen Pflegestufe aufgrund einer guten Dokumentation.

An den ersten beiden Punkten wird sich nichts ändern, aber am dritten Punkt besteht Handlungsbedarf. Hier ist die Professionalität der Fachkräfte gefordert.

Zunächst werden die bestehenden Einstufungen recht großzügig übergeleitet. Ergeben die vielen Höherstufungen im Jahr 2016 ein Plus bei den Erlösen und damit auch an Personalstellen, werden damit gleichzeitig die Voraussetzungen geschaffen für die Umstellung von Pflegesätzen auf die neuen Pflegegrade. Es wird also ein Niveau kalibriert, was in den Folgejahren wahrscheinlich nicht zu halten sein wird.

Die große Kunst wird darin bestehen, die Pflegesätze so festzusetzen, dass die Einrichtungen am Ende nicht weniger in den Kassen haben als vorher. In einem weiteren Schritt müssen die Personalschlüssel neu zugeordnet werden. Erklärtes Ziel ist es, dass es zu keiner Absenkung der bestehenden Personalpools kommt. Aber man muss bedenken, dass all dies stattfindet vor dem Hintergrund der Überleitungsregeln, dass also mit den zunächst festgesetzten Pflegesätzen nicht die reale (spätere) Begutachtungspraxis abgebildet wird. 

 Wer nun glaubt, dass mit der Neu-Festsetzung der Personalrichtwerte mehr Personalstellen für die Einrichtungen generiert werden, übersieht, dass die vorab vorgenommenen Kalkulationen im Rahmen der Pflegeselbstverwaltung eine Verbesserung der Personalsituation darüber gar nicht zulässt. Denn die Personalrichtwerte sind gekettet an die Pflegesätze. Wenn also Einrichtungsverantwortliche mehr Personal vorhalten wollen als bisher, weil sie denken, dass ja das PSG II einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff  ausweist, dann übersehen sie, dass die Beiträge der Pflegeversicherer nicht in dem Maße steigen, wie sie es gern hätten. Im Gegenteil dürfen die Gesetzgeber laut §70 SGB XI im Sinne des Teilkaskoprinzips gar nicht höhere Geld-Leistungen bereitstellen.

Die Pflegedienstleitungen können ihren höheren Personalbedarf zwar über einen Anstieg der Pflegesätze erreichen, aber damit sie hier punkten können, müssen sie diesen Mehrbedarf (an Personal!) plausibel machen. Im Sinne des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes müsste sich die Pflege konzeptionell neu aufstellen und die Pflegebedarfe überzeugend bzw. pflegesatzwirksam darlegen. Es darf bezweifelt werden, dass das schon jetzt gelingen kann. Noch entscheidender wird es sein, wie weit sich die Dritten im Bunde, die Sozialkassen, hier mit bewegen. Und manch einem Träger wird die Frage im Kopfe blockieren, welchen Pflegesatz seine „Kundschaft“ (die Bewohner) im Wettbewerb mit anderen Anbietern noch bereit ist zu zahlen. Wer die Preise kennt, weiß, dass hier nicht viel Luft nach oben ist!

Da die Höhen der Personalschlüssel an die Pflegegrade und damit an die Pflegesätze gekoppelt sind, besteht die Gefahr, dass es etwa ab 2018 nach und nach zu einem Absinken der darüber generierten Planstellen kommt. Die Einrichtungsverantwortlichen sollten große Sorgfalt darin üben, die Pflegesätze und Personalschlüssel entwicklungsangepasst richtig zu kalkulieren und zu verhandeln. Gleichzeitig sollten sie rasch dafür sorgen, dass zukünftige Begutachtungen dazu führen, dass ihre Bewohner in den ihnen gebührenden Pflegegraden richtig verortet werden.

Die Dokumentationsgrundlagen und die EDV müssen zügig umgestellt werden. Die Umsetzung der Empfehlungen durch die Bundesregierung hinsichtlich einer verschlankten Pflegedokumentation bieten hier Chancen, aber auch Risiken. Die Pflegekräfte werden es schwer haben, im Rahmen der neuen Dokumentationspraxis den professionellen Filter anzulegen und gleichzeitig die Sprache der Begutachter so zu treffen, dass es zu einem „gerechten“ Pflegegrad kommt. In diesem Bemühen könnten manche Heime das Rennen verlieren.

Nach dem Auslaufen der Besitzstandwahrung im Sinne der Überleitungsregeln wird es für die Pflegenden schwerer werden, Bewohner in hohe Pflegegrade zu bekommen. Die Arbeitsverdichtung wird in den Heimen weiter zunehmen, da weniger Menschen der unteren Pflegegrade das Klientel bilden und gleichzeitig eine Ballung im Bereich Grad 3 und 4 stattfinden wird, Davon etliche, die im Rahmen der Überleitungsregeln höheren Graden zugeordnet worden wären. Die Investitionen im Zuge der Umstellung auf das neue NBA (EDV, Dokumentationsumstellungen, Mitarbeiterschulungen) werden für die Heime zunehmen und müssen sich am Ende lohnen.

Leider werden die direkt Betroffenen, nämlich die Pflegebedürftigen, auch weiterhin nicht im Rahmen der Pflegeselbstverwaltung in die Entscheidungsfindung und Festlegung der Personalrichtwerte miteinbezogen.

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