Pflegeschutzbund e. V.

Kommentar von Holger Dudel

Qualitätsdarstellung für ambulante Pflege: beschränkte Entscheidungshilfe

Die neuen Qualitätsprüfungen versprechen mehr Transparenz und eine realitätsnähere Bewertung der Versorgungsqualität in der ambulanten Pflege. Als Entscheidungshilfe für Pflegeempfangende und ihre Angehörigen stößt die Darstellung der Ergebnisse jedoch an deutliche Grenzen.  

Sobald feststeht, dass eine pflegerische Versorgung in der eigenen Häuslichkeit möglich ist und daran die professionelle Pflege beteiligt werden soll, beginnt die Suche nach einem passenden Anbieter. Dann stellt sich neben der Frage nach den Kosten auch die nach der Qualität. 

Versorgungsnot und Qualitätsanspruch

Die Realität ist jedoch ernüchternd. Die Versorgungslage ist flächendeckend prekär und es geht häufig nicht um die beste Qualität, sondern welcher Pflegedienst überhaupt Kapazitäten hat. Wer dringend Unterstützung benötigt, kann vielfach nicht zwischen mehreren Anbietern wählen. 

Das macht Qualitätsinformationen keineswegs überflüssig. Im Gegenteil: Gerade wenn die Wahlmöglichkeiten begrenzt sind, können unabhängige Qualitätsprüfungen wichtige Orientierung bieten. Die Qualität der Leistungen ist ein Anspruch, der unabhängig von der Versorgungslage besteht. 

Abschied von den Pflegenoten

Mit den seit Juli 2026 geltenden neuen Qualitätsprüfungs-Richtlinien für die ambulante Pflege soll die tatsächliche Versorgungssituation stärker in den Mittelpunkt rücken. Die bisherigen Pflegenoten, deren Aussagekraft seit Langem kritisch diskutiert wurde, gehören damit der Vergangenheit an. 

Das ist grundsätzlich zu begrüßen. Denn eine zusammenfassende Schulnote konnte den Eindruck einer objektiven und leicht verständlichen Qualitätsbewertung vermitteln, ohne die tatsächlichen Unterschiede in der pflegerischen Versorgung angemessen abzubilden. 

Das neue Prüfsystem verfolgt einen differenzierteren Ansatz. Es betrachtet stärker, wie die Versorgung bei den pflegebedürftigen Menschen tatsächlich gestaltet wird, und berücksichtigt dabei konkrete Versorgungssituationen. Damit eröffnet sich die Chance, pflegerische Qualität nicht allein anhand dokumentierter Abläufe und formaler Anforderungen zu beurteilen. 

Mehr Aussagekraft, aber weniger Übersicht

Allerdings ist eine fachlich differenziertere Prüfung noch nicht automatisch eine bessere Verbraucherinformation. 

Die Ergebnisse der Qualitätsprüfungen werden sukzessive öffentlich zugänglich gemacht. Flächendeckend verfügbare Qualitätsberichte nach der neuen Prüflogik liegen derzeit allerdings noch nicht vor. Für Pflegebedürftige und Angehörige ist der versprochene Transparenzgewinn deshalb bislang kaum praktisch erfahrbar. 

Und auch perspektivisch bleibt eine entscheidende Frage offen: Wie gut lassen sich die Ergebnisse von den überwiegend als Laien auftretenden Betroffenen tatsächlich verstehen und für die Auswahl eines Pflegedienstes nutzen? 

An die Stelle leicht erfassbarer Gesamtnoten treten differenzierte Bewertungen einzelner, fachlich begründeter Qualitätsaspekte. Das erhöht grundsätzlich deren Aussagekraft, verlangt den Informationssuchenden aber auch deutlich mehr ab. 

Wer sich unter Zeitdruck mit Pflegeleistungen, Pflegegraden, Eigenanteilen und organisatorischen Fragen auseinandersetzen muss, benötigt vor allem verständliche und schnell erfassbare Informationen. Eine komplexe Qualitätsdarstellung kann hier zur zusätzlichen Hürde werden. 

Hinzu kommt, dass die neue ambulante Qualitätsdarstellung keinen unmittelbaren Vergleich mit Landes- oder Bundesdurchschnittswerten bietet, wie er aus der stationären Qualitätssicherung bekannt ist. Damit fehlt eine zusätzliche Orientierung, um einzelne Ergebnisse besser einordnen zu können. 

Für Informationssuchende können neue Fragen entstehen: Was bedeutet eine festgestellte Qualitätsauffälligkeit konkret? Wie schwer wiegt sie? Ist ein Pflegedienst mit wenigen dokumentierten Auffälligkeiten tatsächlich die bessere Wahl als ein anderer? 

Die Antworten darauf erschließen sich nicht zwangsläufig aus der Darstellung der Prüfergebnisse. Außerdem ist für Pflegebedürftige und deren An- und Zugehörige die Qualität weit mehr als die Einhaltung fachlicher Anforderungen. Sie zeigt sich auch darin, ob vereinbarte Leistungen zuverlässig erbracht werden, Pflegekräfte ausreichend Zeit haben, Wünsche und Gewohnheiten respektiert werden und bei Problemen jemand erreichbar ist.

Prüfqualität versus erlebte Versorgungsqualität

Eine weitere Grenze der neuen Prüfrichtlinien liegt also in der Reichweite der Prüfungen selbst. Sie erfassen bestimmte, fachlich definierte Aspekte der Versorgung zu einem bestimmten Zeitpunkt und anhand ausgewählter Versorgungssituationen. 

Gerade in der ambulanten Versorgung spielt das Zusammenspiel zwischen professioneller Pflege, pflegebedürftigen Menschen und deren persönlichem Unterstützungsnetzwerk eine zentrale Rolle. Die Qualität einer Versorgung hängt deshalb nicht allein von der fachlichen Einschätzung und den Leistungen der Pflegefachpersonen ab.  

Ein Prüfbericht kann wichtige Hinweise auf fachliche Qualität und mögliche Defizite geben. Er kann aber weder das persönliche Erleben der Betroffenen vollständig abbilden noch die individuelle Eignung eines Pflegedienstes in Gänze beurteilen.

Differenzierung: für wen?

Es ist nachvollziehbar, dass die neuen Qualitätsprüfungen ein wichtiger Schritt zu einer fachlich fundierteren Beurteilung ambulanter Pflege sind. Doch ihr Nutzen für Pflegebedürftige und Angehörige kann nicht nur danach beurteilt werden, wie differenziert geprüft und bewertet wird. 

Entscheidend ist auch, ob die Ergebnisse so aufbereitet sind, dass Menschen aus der breiten Gesellschaft, also vor allem Nicht-Pflege-Expert:innen daraus verständliche, relevante und handlungsleitende Informationen gewinnen können.  

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es zu früh, darüber ein abschließendes Urteil zu fällen. Immerhin bieten die neuen Richtlinien die Chance, den Blick stärker auf fachlich valide Kriterien zu richten. Aber Transparenz für die breite Öffentlichkeit entsteht nur, wenn auch die Betroffenen verstehen, was die ermittelten Daten für ihre eigene Versorgung bedeuten.  

Dazu bräuchte es eine Darstellung der Ergebnisse, die wesentliche Qualitätsunterschiede erkennbar macht, Auffälligkeiten verständlich erklärt und ihre Bedeutung für den Versorgungsalltag einordnet. Ebenso wichtig wären konkrete Hinweise darauf, welche Fragen Pflegebedürftige und Angehörige bei der Auswahl eines Pflegedienstes oder im laufenden Versorgungsverhältnis stellen sollten.

Fazit

Die neuen Qualitätsprüfungen für die ambulante Pflege können einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Pflegequalität leisten. Aber als Entscheidungshilfe für Betroffene weist die Darstellung der Prüfergebnisse erhebliche Schwächen auf. Die Ergebnisse sind stark ausdifferenziert, nur eingeschränkt vergleichbar und bieten Laien zu wenig Orientierung und Entscheidungssicherheit. Sie können daher allenfalls ein Baustein bei der Suche nach einer geeigneten Versorgung sein, der durch unabhängige Pflegeberatung, den Austausch mit anderen Betroffenen und persönliche Gespräche mit den infrage kommenden Pflegediensten ergänzt werden muss. 

Der Autor Holger Dudel leitet das Themenfeld Pflege in der Deutsche Gesellschaft für Qualität (DGQ) und ist BIVA-Mitglied. 

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