Freitag, 02. Oktober 2020

Corona im Pflegeheim – Abwägung zwischen Schutz und Menschlichkeit

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie hört man immer wieder, sie sei eine nie dagewesene Bedrohung. Einerseits stimmt das, denn die rasante Ausbreitung eines extrem ansteckenden Virus in einer globalisierten Welt ist uns in dieser Form bislang erspart geblieben. Aber es gibt durchaus historische Beispiele, aus denen man manche Parallele ableiten kann. Menschliche Verhaltensweisen angesichts großer Bedrohung wiederholen sich – im Guten wie im Schlechten. Es gibt eindrückliche Berichte von den verschiedenen großen Pestausbrüchen in Mittelalter und Früher Neuzeit darüber, dass die Krankheit und die Bedrohung Menschen getrennt haben; dass Familien sich nicht trauten, ihre Toten zu beerdigen oder dass Menschen allein starben, weil die Angst vor Infektion zu groß war. Andererseits gibt es auch Berichte über Menschen, die allen Gefahren zum Trotz Hilfe leisteten und die Kranken und Sterbenden nicht allein ließen.

Heute haben wir viel bessere Voraussetzungen im Kampf gegen den unsichtbaren Feind einer Pandemie als damals: Wir verstehen die Krankheit und vor allem deren Übertragungswege viel besser. Wir haben weit höhere hygienische Standards. Und wir haben eine professionalisierte medizinische und pflegerische Versorgung. Dies verhindert, dass Menschen allein gelassen werden und macht es durch die Standards ebenso überflüssig, dass sich Helfer dazu selbst in Gefahr begeben müssen.

Dennoch gibt es auch heute Spielräume und müssen wir uns fragen, ob wir alles möglich machen, um der Krise mit rationalen Schutzmaßnahmen, aber auch mit Menschlichkeit zu begegnen. In den letzten Monaten ist im BIVA-Beratungsdienst hundertfach geschildert worden, wie Entscheidungen einseitig und teilweise irrational ausschließlich darauf ausgerichtet waren, jeden Kontakt und damit jede Infektionsgefahr zu vermeiden. Beispielsweise gab es Fälle, in denen Heimbewohnerinnen und -bewohner nicht einmal zur Sterbebegleitung besucht werden durften, sondern darüber diskutiert werden musste, ob sie sich bereits in der „finalen Phase“ befanden. Es gab Bewohnerinnen und Bewohner, die ihre Zimmer nicht verlassen durften, oder Therapeutenbesuche waren nicht möglich – und das oftmals ohne, dass dies durch Verordnungen des Gesetzgebers gedeckt gewesen wäre. Die Ratsuchenden schilderten zudem die gravierenden Auswirkungen der Corona-bedingten Besuchseinschränkungen in Pflegeheimen: Verlust von Fähigkeiten durch die ausbleibenden Therapie- und Betreuungsangebote, unerträgliche Besuchssituationen oder Depressionen, Selbstmordgedanken und sogar Selbsttötungen aufgrund der sozialen Vereinsamung.

Aktuell steigen die Fallzahlen wieder. Wir hören von ersten Einrichtungen, die ohne akutes Infektionsgeschehen die Besuchsregelungen wieder verschärfen. Außerdem gibt es Einrichtungen, die den Besuchskontakt nach wie vor erheblich erschweren und mit unnötigen bürokratischen Hürden arbeiten. Auch die sich noch immer sehr stark unterscheidenden Regelungen in den einzelnen Bundesländern tragen nicht zur Entspannung bei: wenn z.B. in einem Land tägliche Besuche und sogar Körperkontakte erlaubt sind, in dem anderen aber immer noch nur wöchentliche Besuche unter Einhaltung von Abstandsregeln stattfinden dürfen. Es ist dringend geboten, jetzt die richtigen Schlüsse aus den Erfahrungen der vergangenen Monate zu ziehen.

Angesichts dieser gravierenden negativen Auswirkungen der ausbleibenden Besuche auf die Bewohnerinnen und Bewohner stellt der BIVA-Pflegeschutzbund die Frage, ob die rigiden Einschränkungen im Verhältnis zur Wirkung immer angemessen waren – und muss dies entschieden verneinen. Ohne Zweifel sind alte Menschen eine besonders stark gefährdete Gruppe, die in besonderer Weise vor Ansteckung geschützt werden muss. Aber viele negative Auswirkungen wären zu vermeiden gewesen, wenn behördliche Entscheidungen besser durchdacht und von Heimseite bewohnerfreundlicher umgesetzt worden wären. Es kann nicht Sinn von Verordnungen sein, dass die Menschen, die geschützt werden sollen, auf anderen Gebieten unnötig stark geschädigt und massiv in ihren Grundrechten und ihrer Freiheit beschnitten werden.

Manche der angesprochenen Defizite der im Frühjahr und Sommer erlassenen Regelungen mögen auf mangelnde Erfahrungen und große Eilbedürftigkeit zurückzuführen sein. Später herrschte, so scheint es, oftmals die (verständliche) Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen und damit das Virus ins Haus zu lassen. Diesmal haben wir mehr Zeit und können auf vergangene Erfahrungen zurückblicken. Wir können Zuständigkeiten klar regeln, damit die Verantwortung nicht beim Einzelnen liegt, der die Entscheidung aus Angst heraus treffen muss. Aus Sicht des BIVA-Pflegeschutzbunds sollten die Besuchsregelungen vor allem auf eine logische Grundlage gestellt und für jeden nachvollziehbar sein. Momentan gibt es  zum Teil Vorgaben, die nicht schlüssig sind: Warum ist die Dauer des genehmigten Ausgangs festgelegt? Warum darf ich meinen Angehörigen stundenweise mit nach Hause nehmen, aber nicht sein Zimmer betreten? Warum gelten für junge psychisch kranke Menschen ohne kognitive Einschränkungen dieselben Verbote wie für Ältere?

Der BIVA-Pflegeschutzbund hat aus diesen Gründen ein Positionspapier veröffentlicht, das die Akteure in Politik, Verwaltung und bei den Heimbetreibern auffordert, zum Schutz der Heimbewohner und der Allgemeinheit sachgerechte Konzepte zu erarbeiten; das Ziel muss sein, die Verantwortlichkeiten und Kompetenzen eindeutig zu regeln, Überprüfungen der Verhältnismäßigkeit zu ermöglichen, die Grundrechte unbedingt zu wahren und nicht den Löwenanteil der Einschränkungen bei den Bewohnerinnen und Bewohnern abzuladen.

Positionspapier: Ein halbes Jahr Corona im Pflegeheim – Was uns die Krise lehrt