Freitag, 27. März 2015

Adipositas (Fettleibigkeit) im Pflegeheim

Übergewicht ist in der westlichen Welt die häufigste Beeinträchtigung aufgrund von Fehlernährung. Die Weltgesundheitsorganisation hat definiert, dass ab einem Body-Mass-Index von über 30 die Erkrankung Adipositas, also Fettleibigkeit, vorliegt. Auch in Pflegeheimen gibt es mittlerweile Bewohner mit diesem Befund. Die Einrichtungen sind oftmals auf diesen Personenkreis nicht eingestellt.

Die körperlichen Folgen von Fettleibigkeit führen unter anderem zu

  • schlechter Kompensation von Bewegungseinschränkungen,
  • erhöhter Dekubitusgefahr,
  • rascher Ermüdung,
  • Belastungen des Herz- und Kreislaufsystems und
  • erhöhtem Risiko von Schlaganfall und kardiovaskulären Erkrankungen wie Bluthochdruck.

In ihrem neuen Umfeld Pflegeheim sehen sich adipöse Bewohner denselben Vorurteilen ausgesetzt wie vorher: Dick gilt gleich faul, willensschwach und undiszipliniert. Dies verstärkt die weniger bekannten psychischen Folgeerscheinungen von Übergewicht wie

  • soziale Isolation,
  • Ängste und Depressionen,
  • zwanghaftes Verhalten sowie
  • Versagensgefühle und geringes Selbstwertgefühl.

Besonders stark können die psychischen Auswirkungen dann sein, wenn eine Gewichtszunahme Folge der Pflegebedürftigkeit ist, die beispielsweise ausreichende Bewegung verhindert. Die hohe Bedeutung von Nahrungsaufnahme für das soziale Leben in einer Einrichtung ist dann nachhaltig gestört.

Konsequenz davon ist ein besonderer Pflege- und Therapiebedarf adipöser Pflegeheimbewohner: Hilfsmittel wie Bett oder Rollstuhl müssen dem Gewicht und der Größe des Bewohners angemessen sein, die Grundpflege dauert länger, es bedarf ggf. einer zusätzlichen Hilfskraft bei der Pflege, beispielsweise beim Umlagern, usw. In der Therapie und Ursachenbekämpfung stehen ein hoher Aufwand, der immer mit der individuellen Wohlfühlgewicht des Bewohners und seinem Recht auf eigenverantwortliches Essverhalten abzustimmen ist, und geringe Erfolgsaussichten der Behandlung.

Aus all diesen Gründen ist es schwierig für stark Übergewichtige, das richtige Pflegeheim zu finden. Es gibt Fälle, in denen Bewohnern der Heimplatz wegen Gewichtszunahme gekündigt wurde, weil eine fachgerechte Pflege nicht durchzuführen sei. Der Pflegemarkt hat darauf reagiert, indem eigene Fachabteilungen für übergewichtige Pflegebedürftige etabliert wurden und spezielle Hilfsmittel entwickelt wurden (s. Zeitschrift „Altenpflege“ 10.2014). Dennoch ist es nach wie vor kompliziert, eine geeignete Einrichtung zu finden.

Praxistipps für Betroffene:

  • Informieren Sie sich im Vorfeld über die Ausstattung der Einrichtung (Traglast von Betten und Stühlen, Liftern usw.).
  • Bedenken Sie, dass Sie bzw. Ihr Angehöriger aufgrund eines erhöhten Pflegebedarfs – wenn etwa zwei Pflegekräfte die Grundpflege durchführen müssen – in eine höhere Pflegestufe kommen können.
  • Suchen Sie ggf. gezielt nach Einrichtungen mit Fachabteilungen, die mitunter einen höheren Personalschlüssel aufweisen. Leider gibt es die derzeit nur in Niedersachsen (s. Zeitschrift „Altenheim“ 03.2015).
  • Fragen Sie bei den Pflegekassen nach geeigneten Einrichtungen, die sich leider meist eher in Ballungszentren finden lassen.
  • Fragen Sie in der Einrichtung nach Diätkost und Möglichkeiten, die Ernährung vom Pflegepersonal begleiten zu lassen. Dabei ist auch zu klären, ob Mehrkosten anfallen oder etwa Teile davon, beispielsweise bei einer medizinisch indizierten Therapie, von der Krankenkasse getragen werden können.
  • Fragen Sie, ob evtl. Mehrkosten für Hilfsmittel anfallen könnten.
  • Achten Sie zusätzlich zum Pflegepersonal nach Umzug in ein Pflegeheim auf Auswirkungen der Ernährungsumstellung auf Ihr Gewicht bzw. das Ihres Angehörigen.

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