Stellungnahme zum Interview von Care vor9 mit Birte Jansen
Sehr geehrte Damen und Herren,
Wir sind besorgt, dass der Umgang mit „übergriffigen Angehörigen“, wie er im Artikel beschrieben wurde, allgemein Schule macht. Dabei gibt es Möglichkeiten, solche Situationen schon vor einer Eskalation abzufangen.
Der BIVA-Pflegeschutzbund, die Interessenvertretung der Betroffenen, dessen Vorsitzende ich bin, wertet die dargestellten Situationen naturgemäß anders. Keine Frage, Unverschämtheiten und ausfälliges Verhalten oder gar angedrohte Tätlichkeiten gegenüber Pflegepersonal sind nicht hinnehmbar. Dagegen kann und muss sich eine Einrichtungsleitung wehren.
Mängelanzeigen und Kritik muss aber nachgegangen und Abhilfe geschaffen werden. Auch Meldungen bei der Heimaufsicht sind ein Recht des Vertragspartners, der allein einem „System“ gegenübersteht. Hausverbote und Kündigung durch die Einrichtung dürfen dagegen nur ein letztes Mittel sein und nicht inflationär eingesetzt werden. In dem beschriebenen Fall sollen diese Maßnahmen zur Disziplinierung der Angehörigen dienen. Das kritisieren wir scharf.
Anders als im Artikel von Seiten der Heimleitung geschildert, basiert die Kritik von Angehörigen häufig nicht nur auf Fehleinschätzungen und Unwissenheit. Oft genug gibt es tatsächlich Pflegemängel, die Angehörige persönlich beobachten. Ihnen fehlt es aber an Möglichkeiten, diese Mängel abzustellen oder sie offen und angstfrei zu kommunizieren. Oft schweigen Angehörige, weil sie befürchten, dass ihre pflegebedürftigen Verwandten bei geäußerter Kritik unter Repressalien leiden müssen, noch häufiger sind sie aber auch frustriert, weil auch bei berechtigten Beschwerden keine Abhilfe geschaffen wird.
Die erfahrene Hilflosigkeit kehrt sich bei manchen in Ärger und Wut. Ein Angehörigengremium könnte als Ansprechpartner auf Augenhöhe zu einer Entschärfung des Konfliktes beitragen. Angehörige könnten ihre Erfahrungen mitteilen und entweder über Fehleinschätzungen aufgeklärt werden oder wenn es sich um wirklich berechtigte Kritik handelt, das Problem über das Gremium an die Leitung weitergeben. Das könnte helfen, direkte Konfrontationen zu verhindern. Denn letztlich sollte die Problemlösung im Vordergrund stehen und nicht das bloße Aufzeigen von rechtlichen Mitteln.
Mit freundlichen Grüßen
Annette Stegger,
Vorstandsvorsitzende
Das vollständige Interview von Care vor9 mit Birte Jansen finden Sie unter https://www.carevor9.de/inside/uebergriffige-angehoerige-sind-an-der-tagesordnung



