Mittwoch, 01. Februar 2017

Grundsätzliche Entscheidung über künstliche Lebensverlängerung

Eine lebensverlängernde Behandlung kann als ärztlicher Behandlungsfehler gewertet werden, wenn dadurch kein Therapieziel gerechtfertigt werden kann. Zu dieser Entscheidung kam das Landgericht (LG) München I in seiner Entscheidung vom 18.01.2017. Die Entscheidung liegt derzeit noch nicht im Volltext vor.

Hintergrund der Entscheidung war die Behandlung eines schwerst demenzkranken Patienten mit einer Magensonde zur Aufrechterhaltung der künstlichen Ernährung. Laut dem Landgericht gab es ebenso wenig eine objektive medizinische Indikation für die Behandlung wie ein damit verfolgtes Therapieziel. Vielmehr stelle die künstliche Versorgung per Sonde in einem derartigen Fall lediglich eine Verlängerung des Leidens dar. Die Ärzte seien nach Auffassung des LG verpflichtet gewesen, an die Angehörigen des Patienten heranzutreten, um dessen mutmaßlichen Willen zu ermitteln, ob er die lebensverlängernde Maßnahme trotz objektiv fehlender Indikation subjektiv gewollt hätte.

In dem zugrunde liegenden Fall hatte der Hausarzt die künstliche Ernährung über mehrere Jahre fortgesetzt, ohne mit dem Betreuer und der Familie eine entsprechende Erörterung durchzuführen. Der Sohn des mittlerweile verstorbenen Patienten hatte daraufhin geklagt. Das Gericht stellte fest, dass grundsätzlich eine künstliche Lebensverlängerung durch eine Magensonde bei chronisch Kranken ohne Therapieziel, also alleine lebens- und leidensverlängernd, nicht medizinisch indiziert ist. Dies gelte nicht nur für die Veranlassung einer Sondenlegung, sondern auch, z.B. nach einem Arztwechsel, für die Fortsetzung der Behandlung, da diese fortlaufend indiziert sein müsse. Wird der subjektive Wille des Betroffenen nicht durch Rücksprache mit Familie, Betreuer oder Bevollmächtigten der betroffenen Person ermittelt, stellt dies nach dem Urteil des LG einen Behandlungsfehler dar und damit ein Haftungsrisiko des Arztes. Bei dem Gespräch muss aufgezeigt werden, dass eine Indikation fehlt und kein Therapieziel mehr erreicht werden kann.

Derzeit wird die zweite Instanz beschritten, um eine höchstrichterliche Entscheidung herbeizuführen.

Az.: 9 O 5246/14

Quelle: Ärztezeitung, Kanzlei Putz-Sessel-Steldinger München