Montag, 09. November 2015

Änderungen bei den Heimkosten durch das Pflegestärkungsgesetz II

Ab dem 01.01.2017 werden die grundlegenden Änderungen durch das Pflegestärkungsgesetz II Auswirkungen auf den gesamten Pflegebereich haben. Diese stellen bisherige Kalkulation und Finanzierungsmodelle in Pflegeheimen in Frage – mit mutmaßlich massiven Auswirkungen auf die Bewohnerstruktur im Pflegeheim. Wir haben Ihnen hier die wichtigsten Änderungen und die möglichen Auswirkungen zusammengestellt.

Aus Pflegestufen werden Pflegegrade

Eine der wichtigsten Neuerung zum 1.1.2017 wird die Umstellung von drei Pflegestufen auf fünf Pflegegrade sein. Dabei werden aber die Pflegegrade nicht wie bisher die Pflegestufen anhand von zeitlichem Bedarf für exemplarische Tätigkeiten ermittelt, sondern anhand eines Punktesystems.

Für Personen, die bereits am 31.12.2016 über eine Pflegestufe verfügten, gilt dieses Verfahren derzeit jedoch nicht, stattdessen werden diese automatisch in einen der fünf Pflegegrade übergeleitet. Betroffene müssen nichts tun und werden in den kommenden Wochen von der Pflegekasse und der Einrichtungsleitung informiert.

Der Stufensprung

Die automatische Überleitung geschieht durch einen sogenannten „Stufensprung“: Die alte Pflegestufe wird um eine Ziffer erhöht, woraus der neue Pflegegrad resultiert.
Ein Bewohner in einem Pflegeheim mit Pflegestufe II wird in den Pflegegrad 3 übergeleitet.
Eine Bewohnerin mit Pflegestufe I in Pflegegrad 2.

Besonderheit bei kongnitiven Einschränkungen

Im Zuge der Pflegereform durch das Pflegestärkungsgesetz II wird der Demenz in Zukunft deutlich mehr Beachtung geschenkt. Dies wird insbesondere dadurch erreicht, dass bei Personen, bei denen eine eingeschränkte Alltagskompetenz festgestellt wurde (dies kann man im Pflegegutachten ersehen), ein sogenannter „doppelter Stufensprung“ bei der Überleitung in die Pflegegrade erfolgt. Beispielsweise gelangen Personen mit Pflegestufe I und eingeschränkter Alltagskompetenz somit in den Pflegegrad 3 statt in den Pflegegrad 2.

Der einrichtungseinheitliche Eigenanteil (EEE)

Im bisherigen System des vollstationären Heimentgelts stiegen mit einer höheren Pflegestufe auch die Heimkosten im Bereich Pflege an. Dabei stieg meist der Eigenanteil an den Kosten sogar stärker als die Leistung der Pflegekassen, sodass Bewohner mit einer höheren Pflegestufe finanziell schlechter gestellt waren.

Dieses System wird ab dem 01.01.2017 der Vergangenheit angehören. Der sogenannte „einrichtungseinheitliche Eigenanteil“ (EEE) besagt, dass jeder Bewohner in einer bestimmten Einrichtung, gleich welchen Pflegegerades, den gleichen Betrag für die Pflege zahlen muss.

Vereinfacht gesagt wird nach folgendem Verfahren umgestellt: Alle Pflegesätze aller Bewohner werden an alle Bewohnerinnen und Bewohner gleich verteilt.

Beispiel an einer Einrichtung mit 8 Bewohnern:

Pflegestufe 1: bisher 500 € Eigenanteil für 5 Bewohner

Pflegestufe 2: bisher 1.000 € Eigenanteil für 2 Bewohner

Pflegestufe 3: bisher 1.500 € Eigenanteil für 1 Bewohner

Zusammen macht das Eigenanteile in der Pflege von 6.000 €. Verteilt auf alle 8 Bewohner ergibt das einen Satz von 750 € pro Bewohner.

Bestandsschutz

Vergleicht man die Kosten, die der einzelne Bewohner vor und nach der Reform zu zahlen hat, ergeben sich unterschiedliche Auswirkungen dieser Durchschnittsberechnung: Während der Eigenanteil für die Bewohner in den früheren Pflegestufen 2 und 3 dadurch sinkt, würde derjenige in der früheren Pflegestufe 1 steigen.
Der Gesetzgeber hat aber versichert, dass niemand nach der Reform schlechter gestellt sein darf als vorher. Um dies zu verhindern, wird ein Vergleich zwischen dem pflegebedingten Eigenanteil am 31.12.2016 und dem Eigenanteil am 01.01.2017 vorgenommen. Liegt der Eigenanteil ab 2017 höher als der bisherige, so wird der Differenzbetrag von der Pflegekasse übernommen (Bestandsschutz).

Im obigen Beispiel läge der Eigenanteil in der Pflegestufe I (also den zukünftigen Pflegegraden 2 oder 3) um 250 € über dem bisherigen. Das führt dazu, dass die Pflegeversicherung neben ihrem Leistungsbetrag in den Pflegegraden 2 (770 € ab 01.01.2017) und 3 (1262 € ab 1.1.2017) zusätzlich den  Differenzbetrag in Höhe von 250 € übernimmt.

Die Fakten zu den kommenden Änderungen finden Sie zum Ausdrucken in unserem Merkblatt „Änderungen der Heimkosten durch das PSG II“.

Hintergrund: Wie wird sich diese Reform langfristig auswirken?

Bisher war es so, dass Einrichtungen höhere Kosten abrechnen dürfen, je höher die Pflegestufe war. Dies vor dem Hintergrund, dass mit dem Anstieg des Pflegebedarfs eines Bewohners auch der Personaleinsatz der Einrichtung steigt, um die hilfebedürftige Person zu versorgen. Erfolgt eine Höherstufung durch den Medizinischen Dienst, steigen damit sowohl der Betrag von der Kasse als auch der Eigenanteil des Betroffenen oder seines Angehörigen. Dies ging mit dem größeren Aufwand einher, um einen in stärkerem Maße auf Unterstützung und Pflege Angewiesenen fachgerecht zu versorgen. Allerdings wurde damit auch ein Anreiz für die Pflegeeinrichtungen gesetzt, möglichst viele Bewohner höherer Pflegestufen zu versorgen. Häufig gab es Konflikte, wenn in einem Grenzfall eine Einrichtung auf Höherstufung drängte. Den Betroffenen und Angehörigen war aber umgekehrt daran gelegen war, in der niedrigeren Pflegestufe zu bleiben, weil mit einer höheren Stufe auch ein höherer Eigenanteil verbunden war.

Mit dem Pflegestärkungsgesetz II ändert sich Pflegesatzkalkulation wesentlich. Es ist dann so, dass in den niedrigen Pflegegraden verglichen mit der entsprechenden Pflegestufe weniger und in den höheren mehr Geld gezahlt wird. Zum anderen ist der Eigenanteil der Betroffenen bzw. ihrer Angehörigen in Zukunft in jedem der Pflegegrade gleich hoch, das heißt, man bezahlt für Pflegegrad 1 genauso viel dazu wie für Pflegegrad 5. Eine Höherstufung hat damit keine unmittelbaren Auswirkungen mehr auf den betroffenen Bewohner und seinen Eigenanteil.

Auch wenn so das Konfliktpotential zwischen zuzahlendem Betroffenen und auf möglichst hohe Pflegesätze angewiesenem Betreiber entschärft ist, wurde damit der Anreiz, viele Bewohner mit hohen Graden an Pflegebedürftigkeit zu versorgen, noch einmal erhöht: Die Beträge für niedrige und hohe Grade liegen weiter auseinander als nach dem alten System. Um als Pflegeeinrichtung wirtschaftlich zu arbeiten, wird es zukünftig wohl noch mehr auf den „richtigen Bewohnermix“ ankommen.

Der einheitliche Eigenanteil zielt von der Betroffenenseite aus in dieselbe Richtung: Im Verhältnis zur erbrachten Leistung ist der einheitliche Eigenanteil in den niedrigen Pflegegraden höher als vorher, wohingegen man in einem höheren Pflegegrad von der Neuregelung profitiert. Dies greift zwar noch nicht in der Übergangsphase (Bestandsschutz), aber danach werden Pflegebedürftige die Entscheidung, in eine Einrichtung zu gehen, tendenziell erst bei höherem Grad an Pflegebedürftigkeit treffen.

Ambulantisierung

Seit Jahren werden Bewohner von Pflegeheimen älter und zunehmend pflegebedürftig. Dem Prinzip „ambulant vor stationär“ folgend ist dies politisch auch so gewünscht und entspricht dem Wunsch der meisten Menschen, ihr Lebensende zu Hause zu verbringen. Allerdings sterben die meisten nach wie vor in Pflegeheim oder Krankenhaus. Es geht aber nicht nur um die Frage von Wunsch und Wirklichkeit, sondern um die individuell bedarfsgerechte Versorgung. Es gibt bei manchen persönlichen Lebensverhältnissen und gesundheitlichen Umständen keine Alternative zur Rundumversorgung eines Pflegeheims. In einem Pflegeheim professionell gepflegt zu werden, kann auch dazu dienen, mehr Eigenständigkeit zu bewahren. Das klassische Pflegeheim übernimmt in diesen Fällen eine wichtige Aufgabe und ist der Lebensmittelpunkt des Bewohners. Jedoch sind Pflegeheimplätze teuer. Auch ökonomische Gründe legen es zumindest nahe, die Ambulantisierung voran zu treiben, gerade, wenn man den Anteil mit einbezieht, den in dem Fall pflegende Angehörige und eben nicht teure Fachkräfte leisten.

Es bleibt zu hoffen, dass auch mit der neuen Pflegesatzberechnung, die Anreize für Einrichtung und für Betroffene bietet, erst möglichst spät in eine Pflegeeinrichtung zu gehen, nicht vorwiegend ökonomische Gründe, sondern zu allererst die Bedürfnisse der Betroffenen ausschlaggebend sein wird. Es ist aber anzunehmen, dass sich der Trend verstärkt fortsetzen wird, dass zunehmend ältere und stärker pflegebedürftige Menschen in einem Pflegeheim leben werden. Auf das Leben in einer Pflegeeinrichtung hätte dies große Auswirkungen, steht und fällt Zusammenleben und gemeinsame Aktivitäten im neuen Lebensmittelpunkt doch mit der Pflegebedürftigkeit der Bewohner.

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