Montag, 09. November 2015

Änderungen bei den Heimkosten durch das Pflegestärkungsgesetz II

Empfehlen:Print this pageEmail this to someoneTweet about this on TwitterShare on Google+Share on TumblrShare on Facebook

Die grundlegenden Änderungen durch das Pflegestärkungsgesetz II haben auch Auswirkungen auf die Finanzierung von Einrichtungen und stellen bisherige Kalkulation und Finanzierungsmodelle in Pflegeheimen in Frage – mit mutmaßlich massiven Auswirkungen auf die Bewohnerstruktur im Pflegeheim.

Bisher war es so, dass Einrichtungen höhere Kosten abrechnen dürfen, je höher die Pflegestufe war. Dies vor dem Hintergrund, dass mit dem Anstieg des Pflegebedarfs eines Bewohners auch der Personaleinsatz der Einrichtung steigt, um die hilfebedürftige Person zu versorgen. Erfolgt eine Höherstufung durch den Medizinischen Dienst, steigen damit sowohl der Betrag von der Kasse als auch der Eigenanteil des Betroffenen oder seines Angehörigen. Dies ging mit dem größeren Aufwand einher, um einen in stärkerem Maße auf Unterstützung und Pflege Angewiesenen fachgerecht zu versorgen. Allerdings wurde damit auch ein Anreiz für die Pflegeeinrichtungen gesetzt, möglichst viele Bewohner höherer Pflegestufen zu versorgen. Häufig gab es Konflikte, wenn in einem Grenzfall eine Einrichtung auf Höherstufung drängte. Den Betroffenen und Angehörigen war aber umgekehrt daran gelegen war, in der niedrigeren Pflegestufe zu bleiben, weil mit einer höheren Stufe auch ein höherer Eigenanteil verbunden war.

Mit dem Pflegestärkungsgesetz II ändert sich Pflegesatzkalkulation wesentlich. Zum einen müssen die Pflegesätze vom alten System mit den drei Pflegestufen in das neue mit den fünf Pflegegraden überführt werden. Bis zum 30. September 2016 haben die Einrichtungen Zeit, neue Pflegesatzvereinbarungen abzuschließen. Es ist fraglich, ob dies in der relativ kurzen Zeit flächendeckend umgesetzt wird. Geschieht dies nicht, werden die Pflegesätze nach bestimmten Formeln umgerechnet, die in § 92e SGB XI geregelt sind. Es ist dann so, dass in den niedrigen Pflegegraden verglichen mit der entsprechenden Pflegestufe weniger und in den höheren mehr Geld gezahlt wird. Zum anderen ist der Eigenanteil der Betroffenen bzw. ihrer Angehörigen in Zukunft in jedem der Pflegegrade gleich hoch, das heißt man bezahlt für Pflegegrad 1 genauso viel dazu wie für Pflegegrad 5. Der sogenannte einrichtungseinheitliche Eigenanteil unterscheidet sich nur noch von Einrichtung zu Einrichtung. Eine Höherstufung hat damit keine unmittelbaren Auswirkungen mehr auf den betroffenen Bewohner und seinen Eigenanteil.

Auch wenn so das Konfliktpotential zwischen zuzahlendem Betroffenen und auf möglichst hohe Pflegesätze angewiesenem Betreiber entschärft ist, wurde der Anreiz, viele Bewohner mit hohen Graden an Pflegebedürftigkeit zu versorgen, noch einmal erhöht. Die Beträge für niedrige und hohe Grade liegen weiter auseinander als nach dem alten System. In einer Beispielrechnung für die Zeitschrift CAREkonkret von Diplom-Kaufmann Tillmann Rosenbaum-Nagy liegen die Tagessätze für eine Tagespflegeeinrichtung nach altem System zwischen 51,29 € (Pflegestufe 0) und 59,39 € (Pflegestufe 3) und nach neuem zwischen 38,43 € (Pflegegrad 2) und 73,41 € (Pflegegrad 5). (Der Pflegegrad 1 (29,98 €) ist neu und hat keine Entsprechung in den Pflegestufen und wird daher nicht mitberücksichtigt). Um als Pflegeeinrichtung wirtschaftlich zu arbeiten, wird es zukünftig wohl noch mehr auf den „richtigen Bewohnermix“ ankommen.

Der einheitliche Eigenanteil zielt von der Betroffenenseite aus in dieselbe Richtung: Im Verhältnis zur erbrachten Leistung ist der einheitliche Eigenanteil in den niedrigen Pflegegraden höher als vorher, wohingegen man in einem höheren Pflegegrad von der Neuregelung profitiert. Es ist daher davon auszugehen, dass Pflegebedürftige zukünftig erst später in eine Einrichtung einziehen.

Seit Jahren werden Bewohner von Pflegeheimen älter und zunehmend pflegebedürftig. Dem Prinzip „ambulant vor stationär“ folgend ist dies politisch auch so gewünscht und entspricht dem Wunsch der meisten Menschen, ihr Lebensende zu Hause zu verbringen. Allerdings sterben die meisten nach wie vor in Pflegeheim oder Krankenhaus. Es geht aber nicht nur um die Frage von Wunsch und Wirklichkeit, sondern um die individuell bedarfsgerechte Versorgung. Es gibt bei manchen persönlichen Lebensverhältnissen und gesundheitlichen Umständen keine Alternative zur Rundumversorgung eines Pflegeheims. In einem Pflegeheim professionell gepflegt zu werden, kann auch dazu dienen, mehr Eigenständigkeit zu bewahren. Das klassische Pflegeheim übernimmt in diesen Fällen eine wichtige Aufgabe und ist der Lebensmittelpunkt des Bewohners. Jedoch sind Pflegeheimplätze teuer. Auch ökonomische Gründe legen es zumindest nahe, die Ambulantisierung voran zu treiben, gerade, wenn man den Anteil mit einbezieht, den in dem Fall pflegende Angehörige und eben nicht teure Fachkräfte leisten.

Die generelle Bevorzugung ambulanter Versorgung war am 12. Oktober auch Thema der dritten Berliner zur Pflege, die die rheinland-pfälzische Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) und die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) initiiert hatten. Pauschal kann man nicht sagen, so war auch dort der Tenor, dass ambulant „immer besser“ ist. Es bleibt zu hoffen, dass auch mit der neuen Pflegesatzberechnung, die Anreize für Einrichtung und für Betroffene bietet, erst möglichst spät in eine Pflegeeinrichtung zu gehen, nicht vorwiegend ökonomische Gründe, sondern zu allererst die Bedürfnisse der Betroffenen ausschlaggebend sein wird. Es ist aber anzunehmen, dass sich der Trend verstärkt fortsetzen wird, dass zunehmend ältere und stärker pflegebedürftige Menschen in einem Pflegeheim leben werden. Auf das Leben in einer Pflegeeinrichtung hätte dies große Auswirkungen, steht und fällt Zusammenleben und gemeinsame Aktivitäten im neuen Lebensmittelpunkt doch mit der Pflegebedürftigkeit der Bewohner.

Das könnte Sie auch interessieren: